Sport : Notruf nach Oberammergau

Bei den Bayern macht sich nach dem 1:2 gegen Lyon tiefe Ratlosigkeit breit – wird alles wie im letzten Jahr?

Daniel Pontzen

München. Die Gedanken hatten seine Stimme überholt, und noch während er die Worte in das Mikrofon presste, hätte er sie wohl am liebsten verschluckt. „Am Sonntag hat die Mannschaft Gelegenheit, sich für das Ausscheiden zu rehabilitieren“, sagte der Trainer des FC Bayern, ehe er klarstellen konnte: noch sei man natürlich nicht ausgeschieden. Der Versprecher am späten Abend skizzierte das Ausmaß der Beunruhigung, die sich nach der 1:2-Niederlage gegen Olympique Lyon im Olympiastadion breit machte: Nach einem erstaunlich wehrlosen Auftritt der Bayern droht sich ihr frühes Champions-League-Aus der Vorsaison zu wiederholen.

„Man kann nicht zur Tagesordnung übergehen“, sagte Hitzfeld nach einer kurzen Nacht, die er auch dazu verwendet hatte, einen kurzfristigen Krisenplan aufzustellen: „Die Mannschaft braucht in dieser Situation den Zusammenhalt. Sie muss die nötige Konzentration und Spannung aufbauen. Deswegen werde ich sie zweieinhalb Tage kasernieren“, sagte Hitzfeld und kündigte eine verfrühte Abreise ins Trainingslager nach Rottach-Egern an. PR- und Presse-Termine wurden gestrichen.

Die eilig ergriffenen Maßnahmen deuten auf den empfindlich erhöhten Besorgnisgrad beim Rekordmeister hin. Nach den zuletzt wenig überzeugenden Auftritten hatten die Verantwortlichen vor dieser Situation gewarnt, doch „die Alarmzeichen sind überhört worden“, stellte Manager Uli Hoeneß nach dem Spiel fest. „Bis jetzt war es nicht berauschend, was wir gespielt haben, aber heute in der zweiten Halbzeit war es indiskutabel.“ 40 Minuten lang hatten die Bayern Zeit gehabt, den durch Elbers Tor zum 1:2 entstandenen Schaden zu reparieren. „Aber wenn man 40 Minuten Zeit hat und mehr oder weniger keine Torchance rausspielt, dann ist es schwierig“, sagte Hoeneß. Schwierig wird es auch, in den verbleibenden Spielen bei Celtic Glasgow und gegen Anderlecht die nötigen Punkte zum Achtelfinaleinzug zu holen. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zog ein ernüchterndes Fazit: „In der ersten Halbzeit wollte die Mannschaft, in der zweiten konnte sie offensichtlich nicht. Fertig.“

Es ist nicht die erste Schwächeperiode seiner Mannschaft, Ottmar Hitzfeld hat Routine darin gewonnen, in Mini-Krisen Geduld einzufordern, im Vorjahr stand er sogar kurz vor der Entlassung. Deprimierter als nach dem 1:2 gegen Lyon aber hat der Trainer selten gewirkt. Es schien schwer zu ertragen, „dass die einfachsten Pässe nicht ankamen, dass einige schon bei der Ballannahme verunsichert waren“. Weil sich erneut niemand um Verantwortung bewarb, war es eine Frage von Minuten, ehe die ewigjunge Debatte entbrannte, wer die Mannschaft führen könne. „Es hat keinen Sinn Personalkritik zu machen, es ist kein Problem Michael Ballack“, sagte Hoeneß, während Rummenigge einen zwar einigermaßen kreativen aber nicht allzu ernsten Wortbeitrag zum Thema Führungsspieler beisteuerte. „Irgendwann schnitzen wir uns einen in Oberammergau.“

Oliver Kahn sah nach dem Spiel eine Änderung seiner Motivationsstrategie geboten. Nach schwächeren Leistungen hatte er seine Kollegen in den letzten Wochen via Medien deutlich an ihre Pflichten erinnert. Nun aber „ist ein Zeitpunkt gekommen, an dem wir Probleme haben“, und da sei öffentliche Kritik nicht mehr angebracht. „Das wird es nicht geben, solange ich Kapitän bin, dass die Spieler in so einer schwierigen Situation aufeinander losgehen.“ Schon aus pragmatischen Gründe wäre davon abzuraten, denn, so Hoeneß, „dieselben Spieler, die wir heute gesehen haben, brauchen wir in den nächsten Wochen“.

In der hübschen Kaserne am Tegernsee gilt die Konzentration Dortmund, noch ist Celtic weit weg. Dabei könnten sich die Bayern, wenn es nach Kahn geht, „auf so ein Spiel in Glasgow jetzt freuen, bei der Stimmung, die da herrschen wird“. Am Mittwoch wirkte es, als habe er diese Vorfreude exklusiv für sich.

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