Nürnberg-Spiel : "Ein Fluss war da - aber nicht der Spielfluss"

Schiedsrichter-Sprecher Manfred Amerell über das wegen Regens abgebrochene Bundesligaspiel zwischen Nürnberg und Wolfsburg.

Manfred Amerell
Manfred Amerell. -Foto: dpa

Freitagabend in Nürnberg, Fußball-Bundesliga. Der 1. FC Nürnberg spielt gegen den VfL Wolfsburg. Vom Anpfiff an regnet es in Strömen. Der Platz ist so voller Pfützen, dass der Ball kaum mehr als über zwei Meter rollt. Eine Stunde nach dem Abpfiff der ersten Halbzeit und intensiven Entwässerungsversuchen bricht Schiedsrichter Jochen Drees das Spiel ab, es steht 1:0 für Nürnberg. Zum ersten Mal kann ein Bundesligaspiel wegen schlechter Witterung nicht fortgesetzt werden.

Herr Amerell, wie ist das Wetter bei Ihnen?

Sie werden lachen. Vor dem Spiel am Freitag habe ich tatsächlich überlegt, ob ich überhaupt einen Mantel mit ins Stadion nehme. Es schien ja noch die Sonne.

Ohne Mantel wäre es ungemütlich geworden.

Das Wetter war heftig, es hat sich innerhalb von Minuten gedreht. Schon während der ersten Halbzeit kam es runter wie aus Kübeln. Symbolisch stand eine Szene aus der 45. Minute, als Nürnbergs Stürmer Angelos Charisteas in vorderer Position auf das Tor zulaufen will. Er kommt dann nicht weiter, weil der Ball in einer Pfütze stecken bleibt.

Deshalb wurde entschieden, das Spiel abzubrechen?

Man kann nicht einfach sagen: Wir brechen das Spiel jetzt ab. An so einer Entscheidung hängt einiges. Wie reagieren die Zuschauer, wie die Vereine? Am Freitag war nicht einmal die Gesundheit der Spieler gewährleistet. Die sind herumgeeiert wie auf Eis. Wenn die Profis nicht einmal mehr ihren eigenen Körper kontrollieren können, dann wird es gefährlich. Der Spielfluss muss gewährleistet sein, am Freitag war da nur ein Fluss, nämlich der des Wassers.

Wer fällt so eine Entscheidung denn?

Der Schiedsrichter – in diesem Fall Jochen Drees. Ich war als Coach für Drees im Stadion, wir machen das bei jedem Spiel so. Auch, um im Zweifel beraten zu können. Wir haben am Spielfeldrand mit der Polizei gesprochen, alles verlief ganz sachlich und ohne Emotionen.

Die Nürnberger wollten doch sicher weitermachen – schließlich lagen sie in Führung.

Ja, und das ist ja auch verständlich in deren Situation. Es wurde alles versucht, um den Rasen wieder bespielbar zu machen. Mit Maschinen und der Drainage, eine Stunde lang – aber das Wetter war nicht in den Griff zu kriegen.

Um 22.15 Uhr stand der Entschluss fest.

Wir haben die Mannschaften in ihren Kabinen informiert, die Zuschauer wurden schließlich über den Stadionsprecher aufgeklärt.

Und die waren richtig sauer?

Natürlich waren sie nicht begeistert. Die hatten immerhin eine Stunde ausgeharrt. Die Polizei hat aber schon berichtet, dass der Transport nach dem Abbruch reibungslos verlaufen ist. Die Zuschauer haben draußen gleich gemerkt, was los ist: Ohne den Schutz des Stadiondaches und ohne Schirm hätte man ausgesehen wie frisch einem swimmingpool entstiegen.

Bei der WM 1974 wurde das Spiel zwischen Deutschland und Polen unter ähnlichen Bedingungen zu Ende geführt.

Das waren ja andere Umstände – in einem Turnier muss man vielleicht anders entscheiden. Am Freitag war es zu nass.

Was passiert jetzt?

Das entscheidet die Liga. Aber es gibt klare Regelungen: Die Partie wird neu angesetzt – dann geht es bei 0:0 wieder los.

Das Gespräch führte Ingo Schmidt-Tychsen.

Manfred Amerell , 61, ist im Schiedsrichter-Ausschuss des Deutschen Fußball- Bundes für die Spiele zuständig. Am Freitag war er als Coach für den Schiedsrichter Drees im Stadion.

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