Sport : Null Toleranz

Nach den Ausschreitungen in Mailand und Turin hat Italien genug von der Randale in Fußballstadien

Vincenzo Delle Donne[Turin]

Eines hat die Diskussion rund um die randalierenden Fans in italienischen Fußballstadien bereits bewirkt: Das Thema verdrängte die Wirtschaftskrise, gefälschte Haushaltszahlen und die Regierungskrise von den Titelseiten. Der schwer angeschlagene Ministerpräsident Silvio Berlusconi kann erst einmal aufatmen – den randalierenden Tifosi sei Dank.

In Turin herrschte am Mittwoch eine andere Gefühlslage. Im Stadio Delle Alpi. wurden Erinnerungen wach an das Brüsseler Heysel-Stadion, wo vor 20 Jahren nach schweren Ausschreitungen 39 Fußballfans ums Leben kamen. Damals wie am Mittwoch hieß die Ansetzung Juventus Turin – FC Liverpool, und auf einmal machte das Gerücht die Runde, italienische Hooligans hätten an Engländern Rache für 1985 geübt. Sie hatten sich schon Zugang zum jener Ecke des Stadions verschafft, in der 2363 Liverpooler Fans auf den Spielbeginn warteten, abgeschirmt von den italienischen Tifosi. Die englischen Fans wurden mit allerlei Gegenständen beworfen, und die Ordnungskräfte fürchteten schon, die Lage würde eskalieren und zum Spielabbruch führen.

Zum Glück konnte eine Hundertschaft von Polizisten die Ausschreitungen jedoch unterbinden. In der Halbzeitpause hieß es dann: Vor dem Stadion randalierten 50 italienische Fans, die aber von einer Spezialeinheit der italienischen Polizei zurückgedrängt wurden. Die drakonischen Strafen, die der italienische Fußballverband nach dem Spielabbruch vom Champions-League-Spiel zwischen Inter Mailand und dem AC Mailand angedroht hatte, hatten die erhoffte Wirkung ganz offensichtlich verfehlt. Die Bilanz von Turin: 20 Verletzte, acht gewalttätige Juve-Fans wurden verhaftet, von weiteren 23, die allesamt der rechtsextremen Szene zugeordnet werden, wurden die Personalien festgestellt. Schon am Vorabend war ein Liverpool-Fan von acht Tifosi in einem Turiner Lokal verletzt worden. Insgesamt waren über 1100 Polizisten damit beschäftigt, die angekündigte Rache von Heysel zu verhindern.

Im Kampf gegen Gewalt in den Stadien setzt der italienische Verband nun auf die Devise: abschrecken statt vorbeugen. Präsident Franco Carraro kündigte an, Ligaspiele würden künftig bereits beim ersten Wurf von Feuerwerkskörpern abgebrochen werden.

Die friedlichen Fans in Turin waren am Mittwoch eher damit beschäftigt, die schwache Leistung ihrer Mannschaft zu verarbeiten. Sie zeigten sich über ihre erschreckend minimalistische Fußballkost enttäuscht. Die Spieler um Kapitän Alessandro Del Piero vermochten eigentlich nur eine torgefährliche Situation herauszuspielen: Das war zwölf Minuten vor dem Schlusspfiff, als Abwehrspieler Fabio Cannavaro nach einem Freistoß in der 78. Minute den Ball an den Pfosten köpfte. Die Erklärungsversuche von Trainer Fabio Capello über das unerwartete Ausscheiden waren bescheiden. „Die Liverpooler haben gezeigt, dass sie eine starke Mannschaft sind“, sagte der 58-Jährige nach dem torlosen Remis, das Liverpool aufgrund des 2:1 gewonnen Hinspiels den Einzug ins Halbfinale ermöglichte.

„Liverpool gab Juventus einen Fußtritt. Die alte Dame braucht frisches Blut“, forderte die Turiner Tageszeitung „Tuttosport“. „Es war ein schwarzer Abend für Turin.“ Das stimmte, in so ziemlich jeder Hinsicht.

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