Sport : Nummer 2 gibt nicht auf

Der Torhüter des FC Bayern stellt sich in den Dienst der Nationalmannschaft und verhält sich zu Lehmann loyal

Moritz Küpper[München]

Oliver Kahn machte es spannend. In grauer Hose und blauem Hemd mit weißen Längsstreifen war der degradierte Nationaltorhüter gestern um 15 Uhr 02 vor die Presse getreten, um sein Schweigen zu brechen. Die sonst so wilden Haare waren mit Gel gezähmt. „Es ist sicherlich keine einfach Situation, nachdem man zwei Jahre hart für ein Ziel, die Weltmeisterschaft in Deutschland, hingearbeitet hat und dann erfährt, dass man sein persönliches Ziel nicht erreicht“, fasste Kahn die Ereignisse der letzten Tage zusammen, „man braucht Zeit, um zu überlegen, sich zu schütteln, damit so eine Entscheidung nicht aus der Emotion getroffen wird.“ Es schien, als brauche der 36-Jährige selbst in diesem Moment noch ein paar Sekunden, bevor der entscheidende Satz kam. Kahn holte tief Luft. „Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich bei der WM 2006 dabei sein möchte“, sagte er schließlich. In dem brechend vollen Pressesaal an der Säbener Straße 51 herrschte Stille.

Auch Kahn machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr. Rund 74 Stunden war es her, seit er von Bundestrainer Jürgen Klinsmann in einem Hotel am Münchner Hauptbahnhof erfahren hatte, dass nicht er, sondern Jens Lehmann das deutsche Tor während der Weltmeisterschaft hüten wird. Einiges hatte deswegen darauf hingedeutet, dass der ehrgeizige Kahn am Montag seinen Rücktritt aus der Nationalelf bekannt geben würde. Doch er tat es nicht. „Es geht dabei nicht um dich, nicht um Oliver Kahn“, schilderte er in großen Worten seine Gedanken, „es geht um die WM 2006.“ Zumal er auch – im Gegensatz zu seinem Bild in der Öffentlichkeit – auch Niederlagen einstecken könne. Kahn gab den fairen Sportsmann und großen Verlierer: „Das Leben des Sportlers ist geprägt von Gewinnen und Verlieren“, dozierte er, und es wirkte, als hätte ein Rücktritt für ihn nie zur Debatte gestanden. „Ich habe in meinen Leben immer vermieden hinzuschmeißen“, sagte Kahn, „ich bin noch nie vor der Verantwortung davongelaufen.“

Bereits bei den Weltmeisterschaften 1994 und 1998 sowie bei der Europameisterschaft 1996 habe er schließlich auf der Bank gesessen. Drei Fakten, die ihm auch gestern bei der Argumentation halfen: „Ich kann auch mit Niederlagen umgehen“, versicherte er glaubhaft, „für mich gilt es, das Beste daraus zu machen. Es darf da nicht um mein persönliches Schicksal gehen.“ Er versprach, sich während der WM ruhig zu verhalten und sich „voll in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Dazu gehört auch Jens Lehmann.“

Die Pressekonferenz stellte den Schlusspunkt der zwei Jahre währenden Torwartfrage dar – zumindest aus Kahns Sicht: „Der Konflikt und die Spekulationen um Kahn und Lehmann sollten nun vorbei sein“, sagte Kahn, „wir sollten für eine positive Stimmung im Land sorgen.“

In der Tat schienen die Diskussionen um Klinsmanns Entscheidung die letzten Tage zu überlagern. Doch während in den Medien die 0:3-Niederlage der Bayern in Bremen und die Schmähgesänge überwogen, hatte Kahn an der Weser eine andere Botschaft wahrgenommen: „Viele – auch jetzt in Bremen – haben zu mir gesagt: Olli, es ist wichtig, dass du dabei bist.“ Am Sonntagvormittag war Kahn rund eine Stunde allein durch den Wald gejoggt, dann kam er zurück zum Trainingsgelände – und schwieg.

Seine Entscheidung, die nach Kahn bereits am Sonntag gefallen sei, gab er erst am Montagnachmittag bekannt. Der Bundestrainer war da bereits benachrichtigt. Zwar habe Kahn wegen der Zeitverschiebung nicht mit ihm gesprochen, über dessen Antwort mache er sich aber keine Gedanken: „Ich denke, dass Jürgen angetan sein wird.“Meinungsseite

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