Sport : Nummer 9 geht

Europameister Angelos Charisteas war ein Held in Bremen – jetzt wechselt er wohl zu Ajax Amsterdam

Frank Hellmann[Bremen]

Kurz vor Weihnachten herrscht Hochbetrieb im Fanshop von Werder Bremen. An der Glasfront vor der Nordtribüne harren die Leute morgens schon vor der Öffnung in der Eiseskälte aus. Denn kurz vor dem Fest werden Werder-Utensilien rar. An langen Stangen hängen die grün-weißen oder schwarz-goldenen Trikots, die noch an Ort und Stelle mit den Namen der Protagonisten des Deutschen Meisters beflockt werden können. Damit das mit Rückennummer und Name versehene Geschenk für 65 Euro sofort verkauft werden kann, legen die Mitarbeiterinnen im Akkord Vordrucke mit der 11 von Klose, der 10 von Micoud oder Ismaels 25 auf die Rückseite des Stoffes. Nur die 9 ist nicht mehr besonders beliebt. Wie zum Beweis hängt am Haken ein Jersey mit eben dieser Nummer, an dem ein roter „Sonderpreis“-Zettel klebt. Die Beschriftung hat einen kleinen Makel: Der Name Charisteas steht über der Zahl.

Angelos Charisteas ist zum Ladenhüter geworden. Seit er vor zweieinhalb Jahren für 2,5 Millionen Euro von Aris Saloniki nach Bremen kam, hat er in 77 Bundesliga-Spielen 18 Tore geschossen und war lange Zeit außerordentlich beliebt. Doch seit Tagen setzt der 24-Jährige aus seiner Heimat Strimoniko, wo er seine Eltern besucht, gezielte Nadelstiche gegen seinen Arbeitgeber. Den Grund liefert er gleich selbst: „Ich will weg aus Bremen.“ „Soll er doch gehen, wenn er sich für so gut hält“, sagt ein älterer Mann im Fanshop.

So ähnlich denken sie drei Etagen darüber inzwischen auch in der Werder-Geschäftsführung. Lange haben sich die Verantwortlichen dagegen gesträubt, den Griechen abzugeben, obwohl er in dieser Saison meist auf der Bank sitzt. Doch die offizielle Vollzugsmeldung seines Wechsels ist inzwischen wohl nur noch eine Frage der Zeit. Ajax Amsterdam hat angeblich bislang nur drei Millionen Euro Ablöse für den vertraglich bis 2006 gebundenen Stürmer geboten, die Bremer fordern fünf Millionen. „Sollte man sich dort annähern können, wären wir grundsätzlich bereit, über einen Wechsel zu reden“, sagte Werders Sportdirektor Klaus Allofs. Selbst Kotrainer Wolfgang Rolff geht kaum noch davon aus, dass der griechische Angreifer Anfang Januar mit ins Trainingslager in die Türkei fliegt.

Es wird ein ziemlich leiser Abschied eines Mannes, dem sie noch vor einem halben Jahr nach der EM begeistert in Bremen empfangen haben. Die Fans und vor allem die griechischen Restaurant-Besitzer waren stolz auf ihren Europameister, der das entscheidende Tor im Finale gegen Portugal geschossen hatte. Beim letzten Fanklub-Treffen fehlte Charisteas unentschuldigt, die Weihnachtsfeier hat er vorzeitig verlassen. Stattdessen klagt er: Bei Werder würde er nicht aufgestellt, man würde ihm nicht vertrauen, ihn nicht so gut behandeln wie in Griechenlands Nationalelf. Trainer Thomas Schaaf würde nur die anderen loben, nie ihn. Wenn Charisteas Recht hat, würde in der Kabine komplett anders geredet als vor der Presse. Denn unentwegt haben Trainer Schaaf und Manager Allofs wortreich Aufbauhilfe geleistet. Nun hat es der Klub aufgegeben, den EM-Helden für unverkäuflich zu erklären. Die Frage, die Allofs gerade klärt: Wer kommt als Ersatz in Betracht? Möglicherweise der Belgier Wesley Sonck, der bei Ajax ein ähnliches Dasein wie Charisteas führt.

Außer Angelos Charisteas gibt es in Bremen kaum jemanden, der seinen Status als Ersatzspieler für ungerechtfertigt hält. Bei seinen 16 Einsätzen in dieser Saison hat er zwar sechs Tore erzielt, doch meist wirkte der Grieche merkwürdig leidenschafts- und teilnahmslos. Und selbst wenn für ihn der Sirtaki als Torhymne ertönte und er sich hätte als Matchwinner feiern lassen können wie Ende September nach dem Siegtor gegen Valencia in der Champions League, trat er mit Leidensmiene an die Öffentlichkeit. „Meine Situation ist schwierig.“ Er wollte aber nicht einsehen, dass das an ihm selbst lag. Objektiv betrachtet war er eben nur der viertbeste Stürmer bei Werder. Charisteas war weder so willensstark und mannschaftsdienlich wie Miroslav Klose noch so gewieft wie Ivan Klasnic oder so unverbraucht und explosiv wie Nelson Valdez. Angelos Charisteas bot ein halbes Jahr lang seine besten Leistungen meist dann, wenn er viele Worte über seine Taten aus dem Sommer in Portugal verlieren durfte.

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