Sport : Nummer drei überholt

Nicht Hambüchen, nicht Boy: Der deutsche Turner MARCEL NGUYEN gewinnt Silber im Mehrkampf.

Was denn, ich? Marcel Nguyen hatte niemand auf der Rechnung. Foto: dpa
Was denn, ich? Marcel Nguyen hatte niemand auf der Rechnung. Foto: dpaFoto: dpa

Als die fünf anderen Geräte längst einsam herumstanden und seine 23 Konkurrenten sich schon das Magnesium von den Händen klopften, musste Marcel Nguyen seine letzte Übung turnen. Das Los hatte dafür den Boden vorgesehen, die freie Fläche im Zentrum der Halle. Auf Nguyen schauten fast 16 000 Zuschauer von den steilen Tribünen der North Grenwich Arena, die gebaut wurde für Auftritte der größten Popstars der Welt. Nur eine gute Übung fehlte Nguyen im Mehrkampf noch zur Olympiamedaille, seiner ersten.

Der Boden gehört zu seinen Spezialdisziplinen, hier hat er sich auch fürs Einzelfinale qualifiziert. „Ich habe mir gedacht: Jetzt turnst du deine Übung so, wie du sie im Training auch turnst“, erzählte Nguyen später. Doch wie im Training war es nicht. Mitten in seine Übung platzte ein Schrei aus tausenden Kehlen, als die Reckwertung des Amerikaners Danell Lyva angezeigt wurde. Der hatte sich mit einer spektakulären Flugshow und 15,700 Punkten in die Medaillenränge katapultiert. „U-S-A, U-S-A“, schallte es durch die Arena, während Nguyen auf der Matte seine Flickflacks turnte. Ein kleiner Korrekturschritt am Ende, sonst hatte er seine Übung nahezu fehlerfrei geturnt. Drei, vier Minuten stand Nguyen wartend neben der Matte, dann leuchtete erst seine Punktzahl auf – 15,300 – ehe sich sein Name hinter den Führenden Kohei Uchimura an die zweite Stelle schob.

Nguyen darf sich jetzt zweitbester Turner der Welt nennen, so lautet die Übersetzung für Silber im Mehrkampf. Seit 1936 hatte kein deutscher Turner mehr eine Olympiamedaille im Mehrkampf gewinnen können, es gab viele Spezialisten, auch Olympiasieger, aber lange keinen so guten und ausgeglichenen Auftritt mehr wie den des 24 Jahre alten Münchners Marcel Nguyen.

Vor den Spielen war viel von Fabian Hambüchen und Philipp Boy die Rede. Doch Boy konnte sich nach Verletzung und Sturz nicht für das Mehrkampffinale qualifizieren, Hambüchen landete im Mehrkampffinale beim Sprung auf dem Hosenboden und wurde 15. Und die Medaille trug am Ende Marcel Nguyen um den Hals.

Vor dem Wettkampf habe er wie immer Kaffee getrunken. „Mein erstes Gerät war gleich das Pferd, ein Wackelgerät von mir. Aber als ich das Ding weghatte, konnte es richtig losgehen.“ Nur am Sprung leistete er sich bei der Landung noch einen Schritt zu viel, seine Barrenübung gelang ebenso glänzend wie seine Vorstellungen an Ringen, Reck und Boden. „Ich habe gehört, dass die Zuschauer zwischendurch jubeln“, sagte er über seine Bodenübung, „es hat mich nicht gestört. Ich habe einfach schön zu Ende geturnt.“

Mit Silber hatte Nguyen das Maximum herausgeholt. Olympiasieger Kohei Uchimura aus Japan turnt gerade in einer eigenen Klasse. Er kam mit 92,960 Punkten und mehr als eineinhalb Punkten Vorsprung auf Platz eins. Der letzte Moment dieses Wettkampfs gehörte jedoch Marcel Nguyen.

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