Sport : Nur Deisler stört den Familienfrieden

Klaus Rocca

Es war harmonisch wie meist in den letzten Jahren. Auf der Leinwand, hoch droben über den Häuptern der Hauptverantwortlichen, flimmerten Bilder von den Toren der vergangenen Wochen, der Jubel der Spieler übertrug sich aufs Auditorium, die Redebeiträge wurden immer wieder vom Beifall unterbrochen. Und da war ja auch noch die Siegesserie der Hertha-Kicker in den letzten sechs Spielen. Beste Voraussetzungen also für eine gelungene Mitgliederversammlung des Berliner Bundesligisten im Hotel Interconti. Wäre da nicht der Name Sebastian Deisler gefallen.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Noch ehe er erstmals erwähnt wurde, gab es Buhrufe. Als Deisler nämlich auf der Leinwand über ein Tor jubeln durfte. Und als Dieter Hoeneß, nun Geschäftsführer der Kommanditgesellschaft auf Aktien, in seiner letzten Rede als Mitglied des Präsidiums das einstige Lieblingskind des Vereins erwähnte, war es vorbei mit der Harmonie. Hoeneß, der bei den Mitgliedern mit seiner klaren Sprache stets gut ankommt, wurde immer wieder von Missfallenskundgebungen unterbrochen. Versammlungsleiter Michael Ottow musste die Mitglieder sogar wiederholt zur Ruhe mahnen.

Die nehmen es Deisler übel, dass er am Ende der Saison den Verein verlässt und zum FC Bayern München geht. Als Hoeneß sagte, Deisler habe sich dazu "nicht des Geldes wegen entschlossen", erntete er höhnisches Gelächter. "Dann wäre er doch zum FC Barcelona gegangen. Da hätte er doch viel mehr Geld verdienen können", beharrte Hoeneß. Im Übrigen sei Hertha "kein Jammerverein, der ihm hinterherweint". Die meisten der 587 anwesenden Mitglieder konnte er auch damit nicht besänftigen.

Schon lieber hörten sie, dass Hertha auch in der nächsten Saison in Sturm und Abwehr verstärkt werde, obwohl die Verbindlichkeiten bei der Bilanzerstellung im Juni dieses Jahres stattliche 46 Millionen Mark betrugen. Einen Gang an die Börse schloss Präsident Bernd Schiphorst trotzdem aus. Vielmehr wolle sich der Verein nach dem Vorbild der Bayern einen strategischen Partner suchen. Von Bayern München war ohnehin oft die Rede. Rupert Scholz, Vorsitzender des Aufsichtsrates, rief in den Saal: "Um da hinzukommen, wo der FC Bayern ist, dafür brauchen wir nicht wie der 35 Jahre." Spätestens da waren sie alle wieder versöhnt, eine große Familie. Und erst recht, als Präsident Schiphorst ankündigte, der Dampfer Hertha, nach dem der Verein benannt wurde, werde im nächsten Jahr zum 110-jährigen Bestehen nach Berlin geholt. Noch schippert er auf brandenburgischen Gewässern.

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