Sport : Nur der Mensch dreht sich um nichts

Puhdys und Prominente, Tempo und Trillerpfeifen – das Sechstagerennen hat sich verändert. Ein Besuch und eine literarische Erinnerung

Sven Goldmann

Der Mann mit dem Rauschebart an der Treppe – sieht er nicht so aus wie Wolfgang Thierse? Er lächelt ein wenig hilflos, weiß offensichtlich nicht, wohin er jetzt gucken soll, aber sein Nebenmann redet behutsam auf ihn ein, und der Mann mit dem Rauschebart nickt dankbar. Was für eine lustige Vorstellung: Wolfgang Thierse, der Feingeist aus dem Bundestag, zu Besuch beim Berliner Sechstagerennen, einem recht erdigen Vergnügen. Die Stimmung vor der Langen Nacht von Freitag auf Samstag im Velodrom an der Landsberger Allee ist erwartungsfroh bis ausgelassen. Gut 12 000 Gäste haben sich vorgenommen: Heute woll’n wir was erleben!

Das hatte auch Egon Erwin Kisch im Sinn, als er 1919 das Berliner Sechstagerennen besuchte. Als die Fahrer im Sportpalast an der Potsdamer Straße ihre Runden drehten und Sechstagerennen noch hielten, was ihr Name versprach. „Sechs Tage und sechs Nächte drücken 13 Paar Beine auf die Pedale“, notierte Kisch, „das rechte Bein aufs rechte Pedal, das linke Bein aufs linke Pedal, sind 13 Rücken abwärts gebogen, während der Kopf ununterbrochen nickt, einmal nach rechts, einmal nach links, je nachdem welcher Fuß gerade tritt, und 13 Paar Hände tun nichts, als die Lenkstange halten. Ihre 13 Partner liegen inzwischen erschöpft in unterirdischen Boxen und werden massiert. Sechs Tage und sechs Nächte.“

Das Prinzip der sechs Tage und sechs Nächte gilt lange nicht mehr. Sechstagerennen der Neuzeit beginnen am frühen Abend und enden spät in der Nacht, dazu werden sie alle Naselang unterbrochen. Mal für einen Steher-Wettbewerb, dann für ein Oldierennen, gern auch für Musikeinlagen. Die Fahrer steigen dann vom Rad, was allen als willkommene Erholung gilt, mal abgesehen vom Schweizer Franco Marvulli, dem unlängst in Zürich das Kreuzband riss. Auf dem Rad verspürt er angeblich keine Schmerzen, aber wenn er vom Sattel steigt und ein paar Meter zu gehen versucht, sieht das so erbärmlich aus, dass man ihm am liebsten die Sanitäter mit der Trage schicken würde.

Marvulli hätte Kisch gefallen. Ein harter Mann im Kampf gegen sich selbst. So wie damals die Sechstagefahrer im Sportpalast. „Hier erzeugen sich zweimal 13 Opfer den Mahlstrom selbst, auf dem sie in den Orkus fahren“, schrieb Kisch in der „Weltbühne“. „Ein Inquisitor, der solche Tortur, etwa elliptische Tretmühle benamst, ausgeheckt hätte, wäre im finstersten Mittelalter selbst aufs Rad geflochten worden! Aber im zwanzigsten Jahrhundert muß es Sechstagerennen geben.“

Ein Jahrhundert später gibt es sie immer noch, aber wie die Welt überhaupt sind auch die Sechstagerennen ein wenig komplizierter geworden. Es gewinnt nicht mehr die Mannschaft, die an sechs Tagen die meisten Kilometer zurücklegt. So ein modernes Sechstagerennen ist wie ein Kindergeburtstag, bei dem sich die Eltern des Geburtstagskindes viele schöne Spiele ausgedacht haben. Diese Spiele heißen Jagd, Wertungssprint, Derny oder Mannschaftsausscheidungsfahren.

Der Mann mit dem Rauschebart, der so aussieht wie Wolfgang Thierse, steht immer noch vor der Treppe. Ein anderer kommt vorbei und bittet höflich um ein Autogramm. Der Mann mit dem Rauschebart ist Wolfgang Thierse.

Es spricht für den eher entspannten Umgang der Berliner mit prominenten Namen, dass dieselben nicht alle paar Minuten vom Hallensprecher durch die Lautsprecher gejagt werden. Dafür finden die Sponsoren im Minutentakt Erwähnung, zum Beispiel der Chef eines Versicherungshauses, der hat früher doch tatsächlich für Saarbrücken in der Zweiten Fußball-Bundesliga gespielt.

Früher waren die Ansagen, nun ja, brisanter. Kisch war 1919 schwer beeindruckt vom Schicksal eines Zuschauers vom Prenzlauer Berg, dem das Radsportvergnügen über alles ging. Am dritten Renntag verkündete damals der Sprecher durchs Megafon: „Herr Wilhelm Hahnke, Schönhauser Straße 139, soll nach Hause kommen, seine Frau ist gestorben!“

89 Jahre später hat ein Sponsor Trillerpfeifen unters Volk gebracht. Wann immer der Hallensprecher Applaus für die Fahrer verlangt, blasen die Leute in die Pfeifen. Wohl nirgendwo sonst werden Sportler so gern ausgepfiffen wie im Berliner Velodrom. Gepfiffen wird vor allem im Innenraum der Bahn, wo sich die Laufkundschaft mit Bier und Bratwurst versorgt und manchmal auch auf die Radfahrer schaut. Es werden auch Champagner und Garnelenspieße gereicht, aber die gehen nicht so gut.

Die richtigen Radsportfans sitzen draußen auf den Tribünen. Sie haben schon um halb acht ihre Plätze eingenommen und verlassen sie nur, um auf die Toilette zu gehen. Die richtigen Radsportfans freuen sich auch über Einlagerennen von Altstars, die einst über die Winterbahn in der Werner-Seelenbinder-Halle gerast sind. Die richtigen Radsportfans werden vom Eventpublikum ein wenig mitleidig angesehen. „Weiß doch jeder, dass das kein richtiger Sport ist“, sagt einer am Bierstand. Das ist nicht ganz fair. Natürlich ist Sechstagerennen richtiger Sport, verdammt harter Sport sogar. Die Fachleute staunen gerade in Berlin über das wahnwitzige Tempo auf der Holzbahn. Eine andere Frage ist die nach dem Wettkampfcharakter. Sechstagerennen laufen meist nach folgendem Muster: Die Führung wechselt immer hin und her, die Entscheidung fällt erst in der letzten Jagd der letzten Nacht, und nicht selten gewinnen dann die Publikumslieblinge.

Nach dem Einlagerennen der Altstars steigt die „Kleine Jagd“. Es ist dies ein Mannschaftsfahren über 30 Minuten, und der Laie hat einige Mühe festzustellen, wer gerade ihn Führung liegt. Dafür registriert er ein Drängen und Schieben in der Kurve vor der großen Bühne. Es naht der Auftritt der Puhdys. 40 Minuten handwerklich gut gemachte Rockmusik „aus der Sowjetisch Besetzten Zone Deutschlands“, wie der Gitarrist brüllt. Wieder pfeifen die Leute, sie rufen „Eisbären! Eisbären!“, und die Puhdys spielen ihre Hymne zu Ehren des Eishockeyteams aus Hohenschönhausen. In dem Augenblick erhebt sich auch das Publikum draußen auf den Tribünen, die richtigen Radsportfans klatschen im Takt, und als der Hallensprecher nach dem Minikonzert vom Sieg der Eisbären in Ingolstadt berichtet und von der wiedergewonnenen Tabellenführung, pfeifen alle in kollektiver Seligkeit.

Es ist die gemeinsame Herkunft, ein geografisch-politisches Moment, das Bier- und Radsportfans eint. Das Velodrom steht, wo früher die Werner-Seelenbinder-Halle stand, und bis zum Eisbären-Stadion sind es gerade drei Straßenbahnstationen, und es ist wohl auch kein Zufall, dass ausgerechnet Wolfgang Thierse die politische Prominenz repräsentiert. Der Auftritt der Puhdys ist der gefühlte Höhepunkt, dabei ist es erst kurz vor zwölf und die Lange Nacht noch lange nicht vorbei. Weiterhin langweilen sich die Kellnerinnen an der Champagnerbar, aber auch an den Bierständen läuft das Geschäft nicht mehr so gut. Langsam leert sich der Innenraum, nur die richtigen Radsportfans nehmen wieder ihre Plätze ein. Und gehen erst um kurz nach halb drei, nach dem Punktefahren über 30 Runden.

Bis zum Dienstag drehen sie noch ihre Runden an der Landsberger Allee. Sechs Tage lang, wie immer seit der Erfindung der Sechstagerennen, und doch ganz anders als 1919, als Egon Erwin Kisch bilanzierte: „Gleichmäßig dreht sich die Erde, um von der Sonne Licht zu empfangen, gleichmäßig dreht sich der Mond, um der Erde Nachtlicht zu sein, gleichmäßig drehen sich die Räder, um Werte zu schaffen – nur der Mensch dreht sich sinnlos in seiner willkürlichen Ekliptik, um nichts, sechs Tage und sechs Nächte lang.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben