Sport : Nur der Pass fehlt noch

Aljona Sawtschenko will für Deutschland Eis laufen

Frank Bachner

Berlin - Der Winterschal um Reinhard Mirmsekers Hals ist kunstvoll geknotet. Mit der linken Hand umklammert der 55-Jährige kraftvoll die Schal-Enden. Das wirkt entschlossen, passend zur Botschaft des Präsidenten der Deutschen Eislauf-Union (DEU): „Die DEU unternimmt nichts mehr. Auch alle anderen Seiten haben sich genügend eingeschaltet.“ Mirmseker steht in der Eishalle des Sportforums in Berlin-Hohenschönhausen, er redet so entschlossen, weil es um die derzeit wichtigste Personalie der DEU geht.

Erhält die gebürtige Ukrainerin Aljona Sawtschenko noch rechtzeitig vor den Olympischen Spielen im Februar einen deutschen Pass? Obwohl die 21 Jahre alte Paarläuferin nicht wie vorgeschrieben seit drei Jahren in Deutschland lebt? Otto Schily, der frühere Bundesinnenminister, hatte abgelehnt. Jetzt liegt der Antrag beim sächsischen Innenminister. Sawtschenko und ihr Partner Robin Szolkowy leben in Chemnitz. Nur der Minister kann noch eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Aber er muss dazu „ein besonderes Interesse Sachsens“ feststellen.

Klaus Steinbach, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, hat ihm in der vergangenen Woche das besondere Interesse Deutschlands klar gemacht. Eine Medaille in Turin steht in Aussicht. Sawtschenko/Szolkowy haben im Oktober den Grand-Prix „Skate Canada“ gewonnen, sie belegten überraschend Platz drei beim Grand-Prix-Finale in Tokio, sie gehören zur Weltspitze. Die DEU hat Briefe an Sachsens Innenminister geschrieben, andere Funktionäre und politische Helfer eingeschaltet, „und jetzt“, sagt Mirmseker, „können wir nur warten“. Am 21. Januar endet die Meldefrist für Turin. Dass Sawtschenko/Szolkowy bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin an diesem Wochenende den Titel holen, gilt fast schon als Naturgesetz.

Sawtschenko und Szolkowy blenden das Thema aus, so weit sie können. Im Training geht das. „Wir würden uns unnötig belasten“, sagt Szolkowy. Außerhalb der Eisfläche ist das anders, es hängen zu viele Punkte an der Frage nach dem Pass. „Aljona wird ja von vielen Menschen unterstützt“, sagt Szolkowy. Ihr Klub, der Chemnitzer Eislaufverein, hat ihr die Beiträge erlassen. Sie zahlt eine geringe Miete, weil ihre Wohnung dem sächsischen Eislaufverband gehört, und sie erhält Spenden und finanzielle Hilfe von anderen Unterstützern. „Die Aljona kann ganz normal leben“, sagt Szolkowy. „Sie muss keinen Zwieback essen.“

Aber die Spender haben nicht unbegrenzt Geld, und „ein Verband muss auch andere Talente unterstützen“ (Szolkowy). Mit einer Olympia-Teilnahme, vor allem aber mit einer Medaille, könnten die beiden etwas Besonderes zurückgeben. Und mit einem deutschen Pass „wäre sie auch ganz anders abgesichert“, sagt Szolkowy. „Dann könnte sie auch in die Sportförderkompanie.“ Wenn der Pass noch rechtzeitig kommt, sagt der 26-Jährige, dann „fahre ich an eine Tankstelle und kaufe Sekt“. Er weiß nur noch nicht, ob er ihn mit Aljona vor oder nach dem Training trinken wird.

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