Sport : Nur die Erinnerung ist wach

Bei Leverkusen weiß niemand, wie der drohende Abstieg verhindert werden kann – deshalb denken alle an längst vergangene Zeiten

Martin Hägele

Kaiserslautern. Wer vermittelt Calmund und Co. die bittere Wahrheit? Es kann keine angenehme Nacht für Reiner Calmund gewesen sein. Das Abstiegsgespenst, das nach den Erzählungen des Bayer-Managers schon länger auf dessen Nachttisch tanzt, müsste nämlich von Samstag auf Sonntag höllisch gut draufgewesen sein und durchgemacht haben neben Callis Schlafstatt. Mit Sicherheit aber ist die rheinische Frohnatur, die mittlerweile öffentlich das fußballerische Schicksal des Konzernklubs verkörpert, noch viel mehr geplagt worden als von dem kleinen fidelen Männchen am Bett, nachdem er sich am frühen Morgen die Sonntagsblätter ins Haus geholt hatte. „Nach Niederlage bei den roten Teufeln: rettender Engel gesucht.“ So stand es da in der Anzeige von RWE, dem Sponsor von Bayer Leverkusen.

Normalerweise verkaufen Werbetexter Märchen. Im Fall von Bayer Leverkusen aber vermitteln die kreativen Köpfe einer Agentur eine Wahrheit, die mittlerweile so traurig und unangenehm geworden ist, dass sie keiner der für die Fußball-Abteilung Bayer 04 zuständigen Herren auszusprechen wagt. Viel lieber redet man sich die Lage schön, wie Trainer Hörster (Wir haben 90 Minuten guten Fußball gezeigt – nur das Tor hat uns gefehlt“), oder beschwört, so die komplette Manager-Riege, Visionen oder Erinnerungen von einer anderen Bayer-Elf. „Im Vorjahr hätten wir die Lauterer doch 4:0 weggehauen“, glaubte Ilja Kaenzig; was Einsatz, Laufbereitschaft, Torchancen und Feldvorteile betroffen habe, notierte Wolfgang Holzhäuser ein deutliches Plus gegenüber den Pfälzern. Und Reiner Calmund rechnete am Beispiel von Bernd Schneider und Carsten Ramelow für die letzten acht Runden des Abstiegskampfs hoch: „Wir schaffen es nur, wenn auch die anderen Nationalspieler ihre Normalform bekommen.“ Um den zwei Vizeweltmeistern größere Leistungsschübe attestieren zu können, muss man schon auf die interne Denkart und Redensweise von Bayer 04 programmiert sein. Von Schneider und Ramelow kamen zwar ein paar kleine spielerische Impulse, doch ein wirkliches Signal, das der ganze Verein unterm Bayer-Kreuz nun dringend braucht, konnte keiner der Akteure im hellblauen Hemd und auch keiner der Führungskräfte im dunkelblauen Blazer geben. Woher aber Courage und Moral nehmen, nachdem mit dem sportlichen Abschenken der Champions League auch der letzte Rest von Selbstvertrauen freiwillig abgegeben wurde?

Es nützt jetzt nichts, verletzten oder verkauften Führungspersönlichkeiten (Lucio, Nowotny, Ballack) nachzutrauern und den Absturz einer Mannschaft, die vor zehn Monaten im Finale um Europas Krone Real Madrid alle fußballerischen Künste abverlangte, noch länger damit zu erklären, dass die Einkäufe nicht gepasst hätten und in der laufenden Saison keine Hierarchie im Team wachsen konnte. Man muss kein Freund von Udo Lattek sein, und der Rat des Sonntags-Kolumnisten, in dieser Extremsituation eine Alternative für Hörster zu suchen, schmerzt Calmund und Co. bestimmt sehr. Das Plädoyer Latteks und anderer Experten für „einen erfahrenen Mann, vor dem die Spieler strammstehen“, macht dennoch Sinn. Denn die sportliche Krise bei Bayer ist hausgemacht. Und sie kann nur von außen und mit einer Figur gelöst werden, die sehr viel Selbstbewusstsein mitbringt.

Ein erneuter Wechsel des Sportchefs wäre jedoch das öffentliche Eingeständnis der Bayer-Führung, bereits bei der Nachfolge Toppmöllers danebengegriffen und die Situation verkannt zu haben. Die Herrschaften gerieten noch mehr in die Kritik. Andererseits flößen unter dem Druck, mindestens vier der letzten acht Partien gewinnen zu müssen, auf einmal die Namen aller Konkurrenten Angst ein. Und Bayer hat, wenn man in dieser Phase überhaupt noch sportlich kalkulieren kann, das härteste Programm: Mit Hertha BSC, Schalke 04 und 1860 München gastieren gleich drei der auf fremdem Terrain erfolgreichsten Ensembles in der BayArena.

Im Vergleich dazu steht den Fußballfreunden in der Pfalz ein fast schon angenehmer Frühling bevor. Nachdem der schwächste Auftritt der Rückrunde genügte, nach acht Jahren wieder den Angstgegner zu besiegen und diesem die gröbsten Sorgen gleich mitzugeben an den Rhein, widmet man sich am Betzenberg der Aufarbeitung der Finanzkrise. Die alten Vorstände Jürgen Friedrich, Gerhard Herzog und Robert Wieschemann müssen mit ihren Anwälten antanzen. Das Trio soll mit möglichst vielen Millionen einen Teil jenes Schadens persönlich kompensieren, der entstanden ist, weil diese Leute ihre Vereinsgeschäfte mehr als fahrlässig geführt haben. Andernfalls drohen Klagen.

Und Trainer Gerets, der inzwischen als sportlicher Retter der Lauterer gefeiert wird, möchte endlich mit einer positiven Personalie vor die Mikrofone treten. Nach der Länderspielpause will er den Verbleib von Torjäger Klose in seiner Heimat verkünden. Gerets sagt: „Die Chancen stehen momentan 80:20 für uns.“ Wenn er sich da nur nicht täuscht. „Das ist eine sehr riskante Zahl“, kommentierte Klose die Aussage und verschwand.

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