Sport : Nur die Haare bleiben in Liga zwei Gladbach ändert die Strategie und steigt auf

Richard Leipold[Mönchengladbach]

Noch auf dem Rasen hatte Sascha Rösler einen Friseurtermin. Er hatte angekündigt, sich den Kopf kahl scheren zu lassen, sobald Borussia Mönchengladbach in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen sei. Nach dem 3:0 über Wehen Wiesbaden war es soweit. Rösler ließ sich sein dichtes blondes Haar abrasieren. Bei aller Begeisterung über den Erfolg konnte der Profi Trennungsschmerz nicht verbergen. Die Zweite Liga verlasse er natürlich liebend gern, aber dabei Haare zu lassen, „das hat richtig weh getan“, sagte Rösler, „ich bin ja doch ein eitler Typ“.

Doch das Opfer hat sich gelohnt. Ein Jahr nach dem Abstieg mit Alemannia Aachen darf Rösler sich wieder Profi erster Klasse nennen. Der Blick zurück nach Aachen hatte ihn allerdings beunruhigt. „Ich hatte Angst, dass wir es noch verspielen.“ Die Aachener hätten sich vor einem Jahr in der Ersten Liga einige Runden vor Saisonende schon sicher gefühlt und seien doch noch abgestiegen. Der sofortige Wiederaufstieg bedeutete für die Borussen keine haarige Angelegenheit – weder im entscheidenden drittletzten Spiel gegen harmlose Hessen noch über die gesamte Saison gesehen. Anfangs unterschätzt, zumal nach einem schwachen Start, setzten die Gladbacher sich souverän an die Spitze eines überdurchschnittlich starken Kandidatenfeldes. Seit dem neunten Spieltag stehen sie ganz oben.

Ob sie wie angestrebt Zweitligameister werden oder nicht: Der Aufstieg ist der Erfolg einer geänderten Strategie. Der Abstieg zwang die Geschäftsführung zur Abkehr von dem Konzept, mit großen Trainernamen und zu teuren Spielertransfers den Erfolg erkaufen zu wollen. Das Scheitern bot jungen Kräften wie Cheftrainer Jos Luhukay und Sportdirektor Christian Ziege die Chance, bei einem großen Traditionsverein ins Geschäft einzusteigen. Luhukay hatte zuvor nur als Zweitligatrainer in Paderborn auf sich aufmerksam gemacht, Ziege war B-Jugendtrainer bei der Borussia. Gemeinsam betrieben sie eine innovative Personalpolitik, in der Teamfähigkeit mehr zählte als Namen und Bundesliga-Erfahrung. Fünfzehn Spieler mussten (oder wollten) den Verein nach dem Abstieg verlassen, elf wurden geholt. „Es war keine einfache Aufgabe, zumal die Situation für mich neu war“, sagt Ziege. „Ich behaupte aber, dass ich in sechzehn Jahren Profifußball mitbekommen habe, worauf man achten muss.“ Etwa darauf, im Überschwang nicht zu viel zu versprechen. „In den ersten beiden Jahren müssen wir uns erst einmal in der Bundesliga behaupten, dann können wir uns vielleicht höhere Ziele stecken.“

Dass das erste Ziel, der Aufstieg, gesichert ist, hat die Borussia auch Stürmer Oliver Neuville zu verdanken. Vor den Augen des Bundestrainers Joachim Löw empfahl er sich abermals für die Teilnahme an der EM. Als Neuville im Kabinengang auf seinen geschorenen Kollegen Rösler traf, zeigte er sich erstaunt. „Ein neuer Spieler?“, fragte er. An allzu viele Gesichter aber wird Neuville sich nicht gewöhnen müssen. „Vier bis fünf Spieler, die zu uns passen, sollen kommen. Mehr brauchen wir nicht zu ändern“, sagt Ziege. Auch Röslers Freundin dürfte sich bald wieder beruhigen. „Sie trennt sich jetzt erst mal für vier Wochen von mir“, sagt der Kurzgeschorene, und wenn die Haare wieder wachsen, kommt sie zurück.“ So wie die Borussia.

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