Sport : Nur die Musik stört

Anni Friesinger holt zum Auftakt der Eisschnelllauf-WM in Berlin Gold über 1500 Meter

Benedikt Voigt

Berlin. Der Hallensprecher im Sportforum Hohenschönhausen mühte sich redlich, aber vergeblich. „Stop the musicians please“, rief der Mann verzweifelt in sein Mikrofon, „stoppt die Musiker“. Doch was so ein holländischer Trompeter, Posaunist oder Trommler bei einer Eisschnelllauf-Weltmeisterschaft ist, der lässt sich nicht auf Befehl zum Aufhören zwingen. Der Hallensprecher musste noch ein paar Mal „Stop the music“ rufen, dann erst verstummten die holländischen Kapellen nach und nach. Und Anni Friesinger durfte endlich auf das höchste Podest zur Siegerehrung steigen.

Auch Anni Friesinger hatte sich nicht stoppen lassen. Die 26-Jährige aus Inzell war in 1:57.43 Minuten über 1500 Meter zu ihrem insgesamt dritten Weltmeistertitel gelaufen. Die Konkurrentinnen hatte sie um fast zwei Sekunden deklassiert.

Friesinger war zwar Titelverteidigerin auf dieser Distanz, trotzdem sagte sie: „Ich habe nicht damit gerechnet.“ Friesinger hatte insgesamt eine durchwachsene Saison gehabt, wegen gesundheitlicher Probleme hatte sie auf die Mehrkampf-WM verzichten müssen. Weshalb sie nun der Titel in Berlin besonders rührte. „Boah, das ist das schönste Happyend dieser Saison, das ich haben kann.“ Als sie auf die Bahn ging, schnellten die bayerischen Fahnen in Block C hoch. Dort, wo die Busladung mit Friesinger-Fans aus Inzell stand, startete der Lärm der Fans, der sich bis zur Siegerehrung nicht mehr legen sollte.

„Das Publikum hat uns alle nach vorne gepeitscht, das war heute schon extrem“, sagte Friesinger. Sie war das Rennen so schnell angegangen, dass die US-Amerikanerin Jennifer Rodriguez beeindruckt war. „Die ersten 700 Meter sahen so leicht und so schnell aus“, sagte die Bronzemedaillengewinnerin (1:59,31 Minuten), „da wusste ich, dass sie nicht zu schlagen ist.“ Am nächsten kam Friesinger noch Maki Tabata in 1:59,30 Minuten. Der zweite Platz der Japanerin überraschte, denn. Eigentlich war die Kanadierin Cindy Klassen als größte Gegnerin von Anni Friesinger gehandelt worden. Doch Klassen kam nur auf Rang zehn.

Womöglich war die Kanadierin, die im letzten Lauf starten musste, ebenfalls von Friesingers guter Zeit beeindruckt worden. „Wenn so eine Zeit auf der Anzeigentafel steht, dann lähmt das die anderen“, sagte Friesingers Trainer Markus Eicher. Das sei auch ihre Taktik für das Rennen gewesen. „Wir wollten so einen Hammer vorlegen, dass die anderen geschockt sind“, erklärt der Trainer. Als ihre Zeit auf der Anzeigentafel aufleuchtete, wusste Eicher bereits, dass das die Goldmedaille bedeuten würde. Anni Friesinger war skeptischer. „Nicht gucken, nicht gucken, habe ich mir gedacht“, sagt Anni Friesinger. „Dann kam die Erlösung.“ Auf der Ehrenrunde fiel sie beinahe jedem in die Arme, der sich ihr in den Weg stellte. „Besser ging es nicht“, sagte die Bayerin, die seit einiger Zeit in Salzburg wohnt.

Weil auch die zahlreichen holländischen Fans unter den 4000 Zuschauern die deutsche Weltmeisterin feierten, war der Tag der Anni Friesinger. Claudia Pechstein, die ähnlich populär ist, hatte auf einen Start über 1500 Meter aus gesundheitlichen Gründen verzichtet. Wie Monique Garbrecht-Enfeldt steigt Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin erst heute in die Einzelstrecken-WM ein. Auch die deutschen Herren gefährdeten gestern die große Friesinger-Party nicht durch gute oder etwa überraschende Leistungen. Wie erwartet kamen Michael Künzel und Andreas Behr über 500 Meter nur auf die Plätze 15 und 18. Und über 5000 Meter wurde Alexander Baumgärtel 16.

„Ich werde heute noch ein bisschen feiern“, sagte Anni Friesinger, „aber in Maßen.“ Schließlich hat sie bei der Einzelstrecken-WM noch etwas vor. Heute kommt es über 3000 Meter zum Duell mit Claudia Pechstein. Eben mit jener Dame, mit der sie seit den Olympischen Spielen von Salt Lake City öffentlichkeitswirksam streitet. Pechstein ist Favoritin, doch Friesinger besitzt seit gestern eine Goldmedaille mehr in ihrer Sammlung. „Ich habe jetzt nichts mehr zu verlieren“, sagte die Olympiasiegerin über 1500 Meter. „Ich kann jetzt befreit in die nächsten Rennen gehen.“

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