Sport : Nur eine Episode seines Lebens

WERNER PREISS

Der Olympiasieger Fritz Thiedemann ist Ehrengast des Springreitertuniers in der Deutschlandhalle VON WERNER PREISS

Berlin."In unserem Haus in Heide sitzen drei überdimensionale Berliner Bären", erzählt Fritz Thiedemann, einer der berühmtesten deutschen Springreiter vergangener Jahre."Ich bekam sie 1961 nach meinem letzten Turnier in der Deutschlandhalle für meine Kinder Anke, Claus und Hartwig.Die Bären sehen noch wie neu aus, so wurden sie gehegt und gepflegt." Thiedemann, Olympiasieger mit der deutschen Equipe 1956 und 1960 sowie Europameister 1958, ist Ehrengast in der Deutschlandhalle.Er wird am Sonntag nach dem Großen Preis von Deutschland die Besten dieser Springprüfung auszeichnen.1960 gewann Thiedemann mit seinem legendären Pferd Meteor diesen Wettbewerb.Zwei Jahre zuvor belegten beide nach einem dramatischen Finale hinter Francesco Goyoaga (Spanien) und Fahnenkönig, um Zehntelsekunden geschlagen, Platz zwei vor Hans Günter Winkler mit Halla."Sechsmal bin ich in der Deutschlandhalle gestartet", erinnert sich Thiedemann."Zuerst 1937.Ich war als Eleve in der Reitschule Düppel in Zehlendorf, durfte die neunjährige Stute Tosca reiten.Mit ihr gewann ich im Rahmenprogramm drei Springen." Die Premiere der Reitturniere in der 1935 erbauten Deutschlandhalle fand im Januar 1936 statt.Der Preis von Deutschland, als Nationalspringen ausgeschrieben, wurde von jener deutschen Mannschaft gewonnen, die im Sommer die olympische Goldmedaille erkämpfte. Fritz Thiedemann, geboren am 3.März 1918, Bauernsohn aus Weddinghusen bei Heide (Holstein), bestritt als Zwölfjähriger seine ersten kleinen Turniere.Den richtigen Schliff bekam er im Schulstall der Heeres-Reit- und Fahrschule, die während des Zweiten Weltkrieges von Hannover nach Krampnitz bei Potsdam verlegt worden war.Das zahlte sich aus.Bei den Olympischen Spielen von Helsinki 1952 gewann er mit Meteor die Bronzemedaille im Springen.Mit dem Rapphengst Chronist stellte er sich im Dressurviereck vor, wurde mit der Mannschaft ebenfalls Dritter.Eine ähnlich überragende Leistung hatte vor Thiedemann nur der Schwede Hans von Rosen 1920 in Antwerpen gezeigt.Danach niemand mehr.Der schlanke, wortkarge Mann aus dem Holsteinischen verkörperte den Typ des ländlichen Reiters, der mit unendlicher Geduld seine Pferde züchtet und ausbildet.Thiedemann schätzt, daß er etwa 550 Springprüfungen gewann.Bei Meteor steht die Zahl genau fest: 150 Siege in zwölf Wettkampfjahren.Der Dicke, wie er wegen seiner 13 1/2 Zentner genannt wurde, war 18 Jahre, als er 1961 in der Deutschlandhalle über die Hindernisse stürmte."Daß Meteor trotz seines hohen Alters noch große Leistungen zeigte, dürfte eines der Wunder sein, wie sie nur bei ganz wenigen Pferden vorkommen", sagt sein Herr und Meister. Thiedemann betrachtet die Hallenturniere als eine logische Entwicklung des Turniersports.Besonders gemocht hat er sie nicht.1960 äußerte er sich in einem Interview im Tagesspiegel: "Es liegt nun mal im Zuge der Zeit, daß der Turniersport eine Hetze von Stadt zu Stadt geworden ist.Das ist keine begrüßenswerte Entwicklung, aber leider ist es so, daß man gezwungen ist, in diesem Zeitstrom mitzuschwimmen, wenn man nicht Gefahr laufen will, als Außenseiter hingestellt zu werden." Am Schluß seiner Autobiographie "Meine Pferde - mein Leben" schreibt Fritz Thiedemann: "Die drei Jahrzehnte meines Reiterlebens werden nichts sein als eine Episode, ein Abschnitt meines Lebens, für den ich dem Schicksal immer dankbar sein werde ...Immer habe ich unwillig den Kopf geschüttelt, wenn man mich nach meinem größten Sieg fragte.Nie wußte ich eine Antwort.Heute weiß ich sie.Es war der Sieg über mich selbst, die Entscheidung am 2.7.1961 in Aachen Schluß zu machen, das herrliche Spiel zu beenden, bevor es Körper und Geist gefordert hätten.Das war mein größter und schwerster Sieg."

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