Sport : Nur einer kann gewinnen

Mit dem 2:2 zwischen Dortmund und Leverkusen ist niemand glücklich – nicht mal Neuentdeckung Gambino

Felix Meininghaus

Dortmund. Selten hat man zwei gestandene Mannsbilder nach einem Fußballspiel so ratlos gesehen wie die Trainer Matthias Sammer und Klaus Augenthaler. Beide haben in ihrer glorreichen Laufbahn auf dem Rasen eigentlich alles erlebt. Und doch taten sie sich schwer, nach der Begegnung zwischen Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen sinnvolle Statements abzuliefern. Wenn in 90 Minuten dermaßen viel passiert, ist es nun mal schwer, die richtigen Worte zu finden: vier Tore, beste Chancen im Duzend, zwei nicht gegebene Elfmeter, ein Platzverweis, Rudelbildung vor der Trainerbank und, und, und.

Hernach saßen Sammer und Augenthaler auf dem Podium wie zwei schlecht vorbereitete Schüler, die den Logarithmus erklären sollen. Schließlich hat Augenthaler einen Anfang gewagt und seinen Kommentar zum ebenso aufregenden wie spektakulären 2:2 abgegeben. „Ich weiß jetzt nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll", druckste der Weltmeister von 1990 herum, und diese Unentschlossenheit lag nicht an geistiger Abwesenheit. Augenthalers Team hatte vor 81.500 Besuchern, die für die größte Kulisse in der Dortmunder Vereinsgeschichte gesorgt hatten, über weite Strecken brillanten Fußball gespielt. „Nie zuvor war es so einfach, hier zu gewinnen“, haderte Augenthaler und Leverkusens Sportdirektor Jürgen Kohler wusste, „wie ärgerlich es ist, wenn du dir so viele Chancen erspielst – und das noch beim Gegner – und am Ende musst du froh sein, das Spiel nicht zu verlieren."

Das war die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere war die, dass Bayer einen 0:2-Rückstand aufholte und den Ausgleich nach dem Platzverweis von Diego Placente in Unterzahl erzielte. „Die Moral stimmt“, verkündete Manndecker Jens Nowotny, und Dortmunds Lars Ricken erkannte neidlos an, selten eine Mannschaft gesehen zu haben, „die hier bei uns im Stadion so dominant gespielt hat". Wenn man die erste Halbzeit betrachte, sagte Nationalspieler Bernd Schneider, „haben wir hier zwei Punkte zu wenig geholt, aber am Ende müssen wir mit dem einen Punkt zufrieden sein".

Genau an diesem Punkt meldete sich Sammer zu Wort. Auch er gehörte – wie alle Beteiligten – zur Fraktion der Unentschlossenen. Natürlich habe Leverkusen die „bessere Spielanlage, das bessere System“ gehabt, während seine Mannschaft aufgrund der personellen Engpässe mit Jan Koller als einziger Spitze „ein wenig altdeutsch“ agiert habe. Aber: „Wenn du 2:1 führst und einen Mann mehr hast, darfst du nicht so offen stehen.“

Irgendwie ärgerten sich alle ein wenig. Dabei wäre es angezeigt gewesen, sich zu freuen, der imposanten Kulisse eine Partie geliefert zu haben, wie es sie in dieser Intensität nur selten zu erleben gibt. Begeisterung löste auch der Auftritt von Salvatore Gambino aus, der nicht nur für die Highlights in der Dortmunder Offensive sorgte, sondern auch dafür, dass der abtrünnige Marcio Amoroso nach tagelangen Diskussionen im Westfalenstadion endlich mal wieder zum Randthema wurde. Gambino, dem italienisch-stämmigen Jungen aus Schwerte-Westhofen, der am kommenden Donnerstag seinen 20. Geburtstag feiert, gelangen in der ersten Hälfte zwei blitzsaubere Tore, und auch sonst hatte der offensive Mittelfeldmann etliche brillante Szenen. Da scheint was heranzuwachsen in Dortmund.

Von Gambino selbst, dem aufgehenden Stern am Dortmunder Fußballhimmel, war im Übrigen nichts zu vernehmen. Sammer erklärte das Redeverbot mit einem Schmunzeln so: „Der Junge muss sich jetzt für das Spiel in Sochaux sehr gut regenerieren und soll sich nicht vor den Kameras weiter verausgaben." Ersatzweise erzählte Dortmunds Pressesprecher Josef Schneck den verblüfften Journalisten, was Gambino nach dem Spiel berichtet habe: Der Spieler lasse mitteilen, es sei für ihn ein riesiges Erlebnis gewesen, aber er hätte lieber ein Tor weniger gemacht und dafür gewonnen. Immerhin urteilte der Youngster damit exakt so wie die Alten: Auch Gambino war sich offensichtlich nicht sicher, ob er sich nun freuen oder ärgern solle.

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