Sport : Nur jung reicht nicht

Herthas Youngster müssen sich jetzt bewähren

Stefan Hermanns

Berlin - Der Boss hatte alle Hände voll zu tun: Er musste den Korb mit der schmutzigen Wäsche zum Mannschaftsbus tragen. Der Boss – so wird Kevin- Prince Boateng seit einiger Zeit von der Berliner Boulevardpresse genannt, genau genommen, seitdem Yildiray Bastürk, der eigentliche Boss bei Hertha BSC, verletzt ausfällt. Doch auch für den neuen Boss gelten bis auf weiteres die ewigen Gesetze des Fußballs: zum Beispiel, dass die jungen Spieler die Kisten und Körbe mit den Klamotten tragen müssen. Kevin-Prince Boateng, den sie jetzt Boss nennen, ist 19 Jahre alt. Für Hertha ist das nicht nur Chance, sondern auch Gefahr.

Der Berliner Bundesligist verfügt in seinem Kader über einige vielversprechende Begabungen, und Boateng ist von allen der wahrscheinlich begabteste. Der Gedanke, ihm die Rolle des verletzten Bastürk zu überantworten, lag also geradezu auf der Hand. Falko Götz, der Trainer von Hertha BSC hat das etwas anders gesehen. „Diese Last allein auf Kevins Schultern zu legen ist bei so einem jungen Spieler immer gefährlich“, hat er gesagt. Götz stellte sein System so um, dass es Bastürks Position hinter den Spitzen nicht mehr gab; die Raute im Mittelfeld löste er zu einer zweiten Viererkette vor der Abwehr auf, Boateng rückte auf die linke Seite und war dadurch zumindest de jure nicht der Spielmacher. Der direkte Vergleich mit Bastürk hätte ihm dadurch eigentlich erspart bleiben sollen.

Vor einer Woche, gegen Mainz, funktionierte das neue System bestens, Boateng war auch als Randfigur der bestimmende Faktor im Berliner Spiel; im Uefa-Cup bei Odense BK hingegen fehlte Herthas Mittelfeld das gestaltende Element, um die beiden Stürmer in Szene zu setzen und den nötigen Sieg zum Weiterkommen zu erzwingen. Marko Pantelic, einer der beiden Angreifer, moserte am Tag nach dem Ausscheiden: „Es ist schon seltsam, dass das System umgestellt wurde. Für mich ist es so schwieriger.“

Dabei liegen die Schwierigkeiten vermutlich gar nicht am System, sondern eher an der Qualität, die Hertha ohne Bastürk fehlt. „Wir sind irgendwie berechenbar“, sagt Boateng. „Zumindest waren wir das in Odense.“ Der 19-Jährige begann auch in Dänemark stark, er war so häufig am Ball wie kein anderer Berliner, er spielte aggressiv, wirkte entschlossen, und an seinen fußballerischen Fertigkeiten bestehen ohnehin keine Zweifel: Boateng zeigte sogar wieder einmal, dass er den No-look-Pass mit der Hacke beherrscht. Als die Mannschaft nach dem 0:1 jedoch nach Führung lechzte, einen Organisator des Widerstands benötigte, erging sich Boateng immer stärker in Selbstverliebtheit.

Natürlich ist das auch eine Frage des Alters und der Erfahrung: Der Führungstreffer der Dänen wirkte auf Herthas junge Mannschaft im Allgemeinen und Boateng im Besonderen wie ein Schock, zu einer passenden Reaktion waren die Berliner anschließend nicht mehr in der Lage. Boateng fiel am Ende des Spiels nur noch durch Frustfouls auf und musste sogar ausgewechselt werden, weil er kurz vor dem Platzverweis stand. Manager Dieter Hoeneß vermisste bei seiner Mannschaft die Fähigkeit zum konsequenten Pressing, um den Gegner unter Druck zu setzen und ihn zu Fehlern zu nötigen: „Das ist etwas, was wir noch nicht können.“

Neu ist für die junge Mannschaft auch die Situation, dass sie auf einen Rückschlag wie das Aus im Uefa-Cup reagieren muss, auch wenn er für Hoeneß „vielleicht zur richtigen Zeit“ gekommen ist, „weil der eine oder andere sich schon zu sicher war. Da wird man aufmerksam sein müssen.“ Das 0:1 in Odense war für die Berliner die erste Niederlage in dieser Saison, ein weiterer Misserfolg heute gegen Stuttgart könnte den guten Eindruck der ersten Wochen bereits weitgehend zunichtemachen, zumal Hertha nach der Länderspielpause beim Deutschen Meister Bayern München antreten muss. Pal Dardai, einer der routinierten Kräfte, sieht diese Gefahr nicht: „In Odense haben wir ein bisschen gewackelt, aber wir fallen nicht um.“

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