Sport : Nur keine Panik

Die sportliche Leitung nimmt Michael Ballacks Ausfall zum WM-Auftakt mit erstaunlicher Gelassenheit

Stefan Hermanns

Berlin - Miroslav Klose äußerte sich sehr wohlwollend über Tim Borowski. Jeder wisse doch, wie wichtig er für die Mannschaft sei, auch für ihn selbst natürlich. Das Zusammenspiel funktioniere immer besser und auch die besonderen Zuliefererdienste Borowskis hob Klose noch einmal lobend hervor: „Er hat mir 2002 das eine oder andere Tor vorbereitet.“ Borowski? 2002? Miroslav Klose war zu Tim Borowski befragt worden – und antwortete zu Michael Ballack. So ist das in diesen Tagen bei der Fußball-Nationalmannschaft. Alles dreht sich um ihren verletzten Kapitän, der heute im Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft gegen Costa Rica (18 Uhr, live im ZDF) wohl nicht spielen wird. „Es schaut nicht so aus, dass er auflaufen könnte“, sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann.

Ballacks rechte Wade, in der er sich im Testspiel gegen Kolumbien am Freitag vergangener Woche eine Verhärtung und einen leichten Bluterguss zugezogen hat, gilt inzwischen als „Wade der Nation“. Der Münchner musste sich sogar vorwerfen lassen, dass er die Verletzung während der beiden freien Tage über Pfingsten nicht rechtzeitig habe behandeln lassen. „Solche Behauptungen sind eine absolute Frechheit“, entgegnete Ballack darauf. „Es ist schon fast eine Rufschädigung, wie über mich gesprochen wird.“ Ballack soll nun genügend Zeit bekommen, um die Verletzung auszukurieren.

Beinahe rührend wirkte es, wie Klinsmann gestern die allgemeine Hysterie um seinen Kapitän zu konterkarieren versuchte. Bevor er die wichtigste Nachricht des Tages verkündete, unterrichtete er die Nation erst einmal darüber, dass Timo Hildebrand – der dritte Torhüter! – wegen „Problemen im unteren Rückenbereich“ mehrere Tage nicht trainieren kann. Joachim Löw, Klinsmanns Assistent, hatte schon zwei Tage zuvor sein positives Fazit der Vorbereitung damit begründet, „dass wir keine größeren Verletzungen verkraften mussten. Wir haben nur einen Spieler, der angeschlagen ist“. Einen Spieler? Der Spieler!

Schon während des Trainingslagers in Genf, als Ballack mit einer Kapselverletzung am Knöchel mehrere Tage nicht trainieren konnte, bemühte sich die sportliche Leitung, das Problem nicht größer zu reden, als es ohnehin schon ist. Dahinter steckt durchaus System: Es ist allgemein bekannt, dass die deutsche Nationalmannschaft von Ballack abhängt wie von keinem anderen, aber man darf dem Rest des Kaders auch nicht das Gefühl geben, dass die Mannschaft ohne Ballack nichts mehr wert ist. „Unruhe gibt es nicht in der Mannschaft“, berichtete Löw. „Wir haben auch schon Spiele ohne Michael Ballack absolviert.“ Sechs waren es insgesamt, seitdem Klinsmann Bundestrainer ist, davon ging nur eins (in der Türkei) verloren.

In Wirklichkeit ist die sportliche Leitung auf den größten anzunehmenden Unfall besser vorbereitet, als ihr bisweilen unterstellt wird. „Wir haben verschiedene Optionen“, sagt Klinsmann. „Es ist kein Problem.“ Mit Tim Borowski gibt es sogar einen Spieler, der Ballack fast eins zu eins ersetzen, zumindest genau seine Position hinter den Spitzen einnehmen könnte. Der Bremer verfügt über ähnliche spielerische Fähigkeiten wie Ballack: Borowski hat bei Werder eine starke Saison gespielt, er kann – wie Ballack – mit beiden Füßen nahezu gleich gut schießen, besitzt die strategischen Fähigkeiten für das von Klinsmann erwünschte Spielsystem und hat sich sowohl im Zweikampf als auch im Torabschluss verbessert. Nur im Kopfballspiel ist Ballack ihm deutlich voraus, aber das ist er fast jedem Spieler der Welt. Dass Borowski unter normalen Umständen keinen Platz im Mittelfeld der deutschen Nationalmannschaft findet, ist der einzige notwendige Luxus, den sich der Bundestrainer angesichts der dünnen Personaldecke leistet.

Den Ausfall Ballacks sieht Jürgen Klinsmann als „zusätzliche Motivation“ für die Spieler, „die im Moment noch nicht in der ersten Elf sind. Die drängen jetzt da rein.“ Neben Borowski nannte der Bundestrainer auch Sebastian Kehl. „Die laufen jetzt auf Hochtouren“, sagte er. Käme Kehl in die Mannschaft, rückte er auf die Position im defensiven Mittelfeld, die normalerweise Torsten Frings besetzt. Der wiederum nähme Ballacks Platz hinter den Spitzen ein.

Diese Variante ist bereits zweimal erfolgreich in der Praxis erprobt worden, im Februar und im Juni des vergangenen Jahres, jeweils gegen Argentinien. Beide Spiele endeten 2:2. Beim ersten Mal fehlte Ballack wegen einer Verletzung, beim Confed-Cup saß er auf der Bank, obwohl er fit war. Die sportliche Leitung hatte Ballack bewusst geschont, um der Mannschaft zu zeigen, dass sie auch ohne ihn bestehen kann. Eine weitsichtige Entscheidung, wie sich jetzt zeigt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar