Sport : Nur nicht die Pferde scheu machen

Wie aus den Messehallen ein großer Reitstall wurde – heute beginnt das internationale Springreitturnier CHI

Ingo Wolff

Berlin. Die Laster rollen unermüdlich über den hellbraunen Sandboden. Sie schütten Ladung um Ladung auf einen großen Haufen, von wo aus ein Bagger den Sand in alle Ecken der Messehalle 25 verteilt. Eine belgische Firma hat die Spezialmischung für das CHI mit 56 Sattelschleppern nach Berlin gebracht, und dort wird nun unter den Augen der Parcoursbauer ein passender Untergrund für das Internationale Reitturnier bereitet. Abseits der Fläche wird gebohrt und gehämmert. Es werden Tribünen aufgestellt, die Logen zusammengeschraubt, und die ersten Meter des insgesamt zehn Kilometer langen Dekorationsstoffs hängen auch schon. Spätestens heute Mittag muss alles fertig sein, dann erscheinen nämlich die ersten Zuschauer auf ihren Plätzen und wollen dann bis Sonntag mit Pferdesport unterhalten werden – natürlich in angenehmer Atmosphäre.

Bei der Geschäftigkeit und dem Krach in der Halle war nur schwer vorstellbar, dass dort in wenigen Stunden feinfühlige Dressurpferde zu klassischer Musik dem Publikum Piaffen, Passagen und andere Figuren zeigen sollten. Die Bagger drehten Pirouetten, während über ihnen Bauleute an Seilen unter der Decke hingen und Lautsprecher und Leuchter anmontierten.

Es sah aus wie auf einer großen Baustelle. Ein Reitturnier ist nun mal eine logistische Herausforderung. In einer leeren Messehalle muss innerhalb von drei Tagen ein Turnierplatz entstehen. Mit Abreitehalle, Boxen für 350 Pferde und einer kleinen Halle, wohin kleinere Dressurprüfungen ausweichen müssen und wo die Pferdemesse Hippologica ihre Showvorführungen präsentiert. Anders als bei vielen Sportveranstaltungen und Messen müssen sich hier in den Hallen unter dem Funkturm nicht nur Menschen wohl fühlen, sondern auch Pferde. Sie müssen sich derat wohl fühlen, dass sie Topleistungen bringen können, denn das CHI ist sowohl für die Springreiter als auch für die Dressurreiter Weltcup-Station. Es ist neben den Weltreiterspielen, Europameisterschaften und Olympischen Spielen die sportlich wertvollste Herausforderung.

Die meisten Reiter fühlen sich in Berlin wohl. Das haben einige von ihnen im vorigen Jahr sogar unterschrieben. Denn dem CHI drohte der Ausschluss aus dem Weltcup. Nach vielen Jahrzehnten in der Deutschlandhalle war das CHI ins Velodrom umgezogen. Dort hatten die Reiter aber gegen die schlechten Bedingungen protestiert. Im vorigen Jahr haben die Veranstalter dem Protest nachgegeben. Sie zogen zurück auf das Messegelände und erhielten dafür von den Sportlern und dem Weltverband wieder gute Noten. Damit das in diesem Jahr wieder so wird, hat Turnierchef Franz-Peter Krautwig an vieles denken müssen. „Wir haben die Abreitehalle mit der kleinen Zuschauerhalle getauscht“, sagt er. „Sie war für das Dressurfeld zu klein. Die Richter saßen direkt am Rand. Wenn sie mal ihre Beine ausgestreckt haben, sind ihnen die Pferde fast auf die Füße geritten.“

Selbst in der kleinen Halle liegt der belgische Spezialboden. „Der Boden hat für die Qualität einer Veranstaltung einen hohen Wert bekommen“, sagt Krautwig. Damit er besondere Eigenschaften bekommt, lassen viele Veranstalter den Boden von Spezialisten herstellen. Der Sand muss elastisch sein, darf also nicht zu tief werden, wenn ein Pferd mit seiner Zentnerlast nach dem Sprung landet. Der Boden muss gleichzeitig gut federn, damit das Pferd hinter dem Hindernis nicht an Fahrt verliert. Zudem muss der Boden rutschfest sein. „Mit dem Sand steigt und fällt die Dramatik bei einem Stechen“, sagt Krautwig. „Der Reiter braucht Sicherheit in den Ecken, damit er volles Tempo reiten kann.“ Während der vier Tage beim CHI wird der Sand deshalb Tag und Nacht gepflegt. „Der Sand braucht viel Feuchtigkeit“, sagt Krautwig.

Doch nicht nur an den Sand muss Krautwig denken. „Zwischen den Sandböden in der Haupt- und der Abreitehalle müssen Teppiche liegen, damit die Pferde nicht ausrutschen.“ Auch kleine Details muss der Turnierchef im Kopf haben: Flaggen für die Siegerehrung zum Beispiel. Einmal wurde versehentlich die Deutschlandfahne verkehrt herum aufgezogen. „Vor einigen Jahren haben wir an alles gedacht – nur die Glocke fehlte, die der Parcoursricher für das Startsignal braucht.“ Die musste Krautwig dann schnell besorgen, und bis die Glocke kam, musste improvisiert werden. Ein anderes Stück ist ihm unterdessen mal abhanden gekommen. „Über dem Einritt aus der Schleuse zum Parcours hing seit der Maueröffnung das Brandenburger Tor“, sagt Krautwig. Das hat man uns eines Nachts mal geklaut.“ Seither muss das Berliner Turnier ohne sein Wahrzeichen auskommen.

Auf eines muss Krautwig allerdings nicht achten: auf eine spezielle Akustik für die Pferde. Er kann die Licht- und Toneffekte auf die Zuschauer ausrichten. Die Hauptprobe fand gestern auch ohne Pferde statt, obwohl die ersten schon seit vorgestern in den Boxen stehen. „Pferde richten sich auf alles ein“, sagt Krautwig. Damit sind sie vermutlich pflegeleichter als viele Zuschauer.

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