Sport : Nur noch drei

Hannawald siegt in Oberstdorf – der Titelverteidiger der Vierschanzentournee ist zur rechten Zeit in Form

Benedikt Voigt

Oberstdorf. Edmund Stoiber tat gut daran, eine Viertelstunde zu spät ins Skistadion an die Schattenbergschanze zu kommen. So musste sich der Kanzlerkandidat a.D. nicht den Weg durch die Massen bahnen, sondern konnte einigermaßen ungestört dem Prominenten-Eingang entgegenstreben. Auf der Rückseite der stahlrohrbewehrten Haupttribüne erklärte der bayerische Ministerpräsident einem Oberstdorfer Offiziellen seine Anwesenheit: „Ich hoffe, dass ich den Deutschen Glück bringen kann.“ Der Verlierer der Kanzlerwahl soll ein Glücksbringer sein? Man könnte es so sehen. „Ich habe Glück dazu gebraucht“, sagte Sven Hannawald, der mit 263,1 Punkten den ersten Wettbewerb der Vierschanzentournee gewann.

Man könnte aber auch konstatieren, dass der 28-Jährige rechtzeitig zur Vierschanzentournee wieder in hervorragender Form ist. Sven Hannawald machte in Oberstdorf dort weiter, wo er vor einem Jahr aufhörte, als er als Erster alle Springen der Tournee gewonnen hatte. Mit dem gestrigen Erfolg kann er auf fünf Siege in Serie bei der Vierschanzentournee zurückblicken. So eine Serie gelang bisher nur dem Deutschen Helmut Recknagel in den Jahren 1958 und 1959. Auch Martin Schmitt meldete sich mit Sprüngen auf 121 und 119 Metern (252,5 Punkte) und dem vierten Platz in der Weltspitze zurück.

Die beiden Führenden im Weltcup, der Österreicher Martin Höllwarth (257,7 Punkte) und der Finne Janne Ahonen (257,5 Punkte) belegten die Plätze zwei und drei. Gemeinsam mit Hannawald und Schmitt dürften sie den Sieg bei der diesjährigen Vierschanzentournee unter sich ausmachen. Dazu aber muss der neue Dauersieger der Vierschanzentournee geschlagen werden. Hannawald war mit 125,5 Metern im ersten Durchgang am weitesten geflogen. Martin Schmitts Schanzenrekord von 133 Metern aus dem Jahr 2000 konnte er trotz der passablen Wetterbedingungen nicht in Gefahr bringen. „Den zweiten Sprung habe ich runtergeeiert“, sagte Hannawald, „ich war vor dem Sprung sehr nervös.“ Dennoch reichte der Satz auf 119 Meter zum Sieg.

Deutschlands Sportler des Jahres 2002 hatte schon vor einer Woche mit seinem Erfolg in Engelberg gezeigt, dass er wieder in Hochform ist. „Wir wollten die Jungs zum ersten Höhepunkt der Saison fit kriegen“, erklärte Bundestrainer Reinhard Heß. Eine Knieoperation im Mai hatte Hannawald zurückgeworfen. „Ich hätte gedacht, dass er frühestens im Februar wieder fit ist“, sagte seine Mutter Regine. Sie dürfte sich gerne getäuscht haben. Als ihr Sohn sich im Auslauf vor 18 000 Zuschauern nach allen Seiten hin verbeugte, klatschte sie begeistert Beifall.

Applaus aber verdiente auch Martin Schmitt. „Die tollste Leistung kam von Martin“, sagte Kotrainer Wolfgang Steiert. Wegen einer Knieoperation im September steht in der Gesamtwertung des Weltcups für ihn als bislang bestes Resultat ein 16. Platz zu Buche. Bis gestern. „Im rechten Bein fehlt mir noch die Kraft“, sagte Martin Schmitt, „deshalb ist es wichtig, dass die Sprünge technisch gut laufen.“ Mit seinem zweiten Flug auf 119 Meter war Schmitt zufrieden. „Blitzsauberer Telemark“, sagte er über die Landung. Lediglich Michael Uhrmann konnte mit Platz 15 die Trainer und sich selber nicht zufrieden stellen. Zu Beginn der Saison war er wesentlich besser gesprungen.

Sven Hannawald weiß aus dem vergangen Jahr, wie er die nächsten Tage bewältigten kann. „Ich habe keine Angst vor den Erwartungen.“ Nur ein wenig wollte er feiern. „Ab Montag läuft dann für mich mit dem Konditionstraining der normale Film ab.“ Er müsse jetzt so schnell wie möglich wieder in den Alltag finden. „Fürs Herumhüpfen bekomme ich keinen Preis.“ Den würde es aber in Form eines Autos am 6. Januar für den Gesamtsieg geben. „Ich traue Sven den Tourneesieg zu“, sagte Bundestrainer Heß. „Die Spitze ist zusammengerückt, aber es gibt keinen Ausnahmeathleten.“ Martin Höllwarth meldete bereits Ansprüche an, Hannawalds Siegesserie zu beenden. „5,4 Punkte Rückstand sind nix“, sagte der beständigste Springer dieser Saison. „Ich werde in Garmisch versuchen, die Führung zu übernehmen."

Zumal sich Sven Hannawald in diesem Winter in Kuusamo bereits einen groben Patzer geleistet hat. Auf 58 Meter und den letzten Platz war er Ende November gehüpft. „So etwas ist bei mir immer möglich, wenn es minus 20 Grad kalt ist“, sagte Hannawald. In der Vergangenheit hatte er sich bei extremer Kälte immer schwer getan. Die Wettervorhersage für das Neujahrsspringen lautet: „In den nächsten Tagen gibt es Schauer, die Temperaturen bewegen sich zwischen fünf und sieben Grad.“ Es sieht mal wieder nicht schlecht aus für Sven Hannawald.

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