Sport : Nur noch vom Pech verfolgt

Vergangene Saison gewann Axel Teichmann den Weltcup im Skilanglauf – dieses Jahr läuft er hinterher

Benedikt Voigt[Oberstdorf]

Als Axel Teichmann zur Halbzeit des Verfolgungsrennens in seine Wechsel-Box einbog, um auf Skating-Ski umzusteigen, wunderte er sich. „Da lagen nicht meine Ski“, sagte der deutsche Langläufer mit dem markanten Spitzbart. Er blickte sich um. Seine High-Tech-Sportgeräte lagen einen Abschnitt weiter. Teichmann übersprang die knöchelhohe Absperrung zu seiner Box – und hatte erneut wertvolle Zeit verloren. Er sagte: „Heute ist alles schief gegangen, was schief gehen kann.“

Axel Teichmann wird zurzeit nicht vom Glück verfolgt. Vor dem Missgeschick beim Skiwechsel ist ihm bei der Doppelverfolgung in Oberstdorf auch noch ein Stock gebrochen. Mit einem lief er weiter, während die deutschen Betreuer aufgeregt nach einem Ersatzstock fahndeten. Irgendwann konnten sie per Funk Entwarnung geben: „Er hat ihn.“ Dass der 26-Jährige unter diesen Umständen nur auf Platz 22 lief, überrascht nicht. Gestern verfehlte er auch noch wie Tobias Angerer wegen schlecht präparierter Ski die Finalrunden im klassischen Sprint. Auffällig ist allerdings, dass Teichmann in diesem Jahr regelmäßig auf hinteren Plätzen zu finden ist. Zurzeit wird er im Gesamtweltcup auf Rang 22 geführt. Während seine Teamkollegen um den Weltcupersten Tobias Angerer von Erfolg zu Erfolg eilen, läuft ausgerechnet der Gesamt-Weltcupsieger der vergangenen Saison hinterher.

Die Ursache ist klar: Zwei Grippe-Infektionen haben ihn in dieser Saison zurückgeworfen. „Eine Woche Krankheit kostet mich drei Wochen im Weltcup“, sagt er. Trotzdem ist er für die Olympischen Spiele optimistisch, eine Medaille holen zu können. „Die Situation ist schwierig, aber nicht hoffnungslos“, sagt sein Stützpunkttrainer Kuno Schreyl. Mindestens in der Staffel dürfte Teichmann sein olympisches Ziel erreichen, mit Tobias Angerer, Jens Filbrich und Rene Sommerfeldt zählt er zu den Favoriten für Turin. Allerdings hat er im vergangenen Jahr bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Oberstdorf feststellen müssen, was passieren kann, wenn hohe Erwartungen nicht erfüllt werden. „Wir erleiden große Entbehrungen, laufen 10 000 Kilometer im Jahr, und das alles wird mit einer Schlagzeile über den Haufen geworfen“, sagt Teichmann. Besonders getroffen hat ihn eine Überschrift in einer Boulevard-Zeitung, die das Wort „Oberstdoof“ enthielt. Der introvertierte Leistungssportler hat es nicht vergessen.

Wenn er genervt ist, wird der Thüringer einsilbig. Als ihn zuletzt jemand hartnäckig auf seine Dopingkontrollen in diesem Jahr ansprach und wiederholt nach einer Dokumentation fragte, wurde die Atmosphäre am Tisch eisig. Die nächsten Fragen beantwortete er nur noch mit „Ja“ oder „Nein“. Er weiß, dass er sich sehr von seinem extrovertierten Teamkollegen Tobias Angerer unterscheidet. „Ich sehe eher das Negative“, sagt er, „er geht viel unbekümmerter an die Sachen ran.“ Das sei etwas, was er von ihm lernen könne. „Das positive Denken ist sein großer Pluspunkt“, sagt Teichmann.

Dafür besitzt Teichmann in der Loipe einen markanten aufrechten Stil, den Angerer inzwischen nachahmt. „Wenn man im Training hinter ihm läuft, nimmt man automatisch seinen Rhythmus und seine Körperhaltung auf“, sagt der Traunsteiner. Er konnte auf diese Weise seine klassische Technik verbessern – und belohnte sich selber am Samstag mit seinem fünften Saisonsieg.

So hat sich drei Wochen vor den Olympischen Spielen in Turin die Situation in der Trainingsgruppe von Kuno Schreyl ins Gegenteil verkehrt. Orientierte sich Angerer im Frühjahr an Teichmann, ist es jetzt umgekehrt. „Wir müssen dem Axel jetzt Erfolgserlebnisse vermitteln“, sagt Schreyl. Allerdings weiß er auch, dass das wegen Krankheit verpasste Training nur noch schwer aufzuholen ist.

Nun ist ein anderer Programmpunkt für Axel Teichmann wichtig: Positiv denken. „Es war wichtig, dass er sich nach dem Stockbruch nicht hängen ließ und weiter gelaufen ist“, sagt Schreyl. Auch die übrigen unglücklichen Ereignisse des Wochenendes – falsche Wechselbox, schlecht präparierte Ski – kann der Stützpunkttrainer freundlich bewerten. „Mit negativen Erlebnissen im Leben bekommt man Reife“, sagt Schreyl. So gesehen lässt sich ein ganz anderes Zwischenfazit dieser Saison ziehen. Axel Teichmann ist in dieser Saison sehr gereift.

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