Sport : Nur Schach im Sinn

Ein junger Norweger will der Star der Szene werden

Martin Breutigam[Dortm]

Gegen den Weltmeister zu verlieren, kann selbst einem jungen Schachgenie wie Magnus Carlsen mal passieren. Doch diese Niederlage am Mittwochabend im Dortmunder Schauspielhaus fand der 16 Jahre alte Norweger offensichtlich unwürdig. Kopfschüttelnd übergab er dem im Foyer wartenden Vater seine obligate Orangensaftflasche, die diesmal bloß zur Hälfte geleert war, weil Magnus gegen Weltmeister Wladimir Kramnik schon nach 30 Zügen kapituliert hatte. „Heute ist bei mir fast alles schief gelaufen“, ärgerte sich Carlsen, „ich habe nicht mal einen einfachen Zug wie Turm auf b1 kommen sehen.“ Er war an einer einfachen Addition gescheitert. Dabei ist Carlsen seit langem ein sehr guter Rechner, schon mit 13 Jahren bekam er den Großmeistertitel, viel früher als jeder Weltmeister.

In diesem Jahr hat er wieder einen enormen Leistungssprung gemacht, beim Topturnier in Linares wurde er unlängst Zweiter und in der kommenden Weltrangliste wird der blonde Junge aus Lommedalen wohl unter den 20 besten Spielern zu finden sein. Doch in Dortmund ist Carlsen nach seiner ersten Niederlage auf den siebten Platz zurückgefallen, während Kramnik nun die Tabelle anführt bei den 35. Schachtagen. Der Russe beurteilt die Perspektiven des Norwegers differenziert. „Er hat gewaltiges Talent und definitiv Chancen, eines Tages Weltmeister zu werden“, sagt Kramnik. Allerdings werde Carlsen ernsthaft an seinen Schwächen arbeiten müssen, denn „die Probleme mit der Eröffnungsvorbereitung“ stünden seinem sonstigen Spielniveau erheblich nach. Auch jüngst im WM-Qualifikationskampf gegen Levon Aronjan habe Carlsen sehr gut gespielt, aber mit den schwarzen Steinen sei er in keiner Partie anständig aus der Eröffnung gekommen. „So etwas wird auf diesem Niveau bestraft.“ Nach Kramniks Worten schafft es ohne ein ausgefeiltes Repertoire heutzutage niemand in die Weltspitze. „Seine Vorbereitung ist schlechter als bei jedem anderen Topspieler, er müsste es mal mit neuen Trainern versuchen“, rät Kramnik. Geld dafür gäbe es: Ab sofort wird Carlsen, der in seiner Heimat einen medialen Schachboom ausgelöst hat, von einem Software-Unternehmen gesponsert. „Jetzt kann er sich ganz darauf konzentrieren, sein Schach weiter zu verbessern“, sagt Vater Henrik .

Eigentlich müsste Magnus auch mal wieder zur Schule kommen, zum „Toppidrettsgymnas“ in Oslo, einem College für Spitzensportler. Doch dort sehen sie ihn im Moment selten, weil er von Turnier zu Turnier fliegt; in diesem Jahr spielte Magnus schon in Holland, Mexiko, Spanien, Monaco, Norwegen und Russland, immer begleitet von seinem Vater. Magnus’ Entdecker, Simen Agdestein, kommt nicht mehr mit. Er sah Carlsen das erste Mal im Januar 2000. Niemals habe er solch eine Kombination aus Schachtalent und fotografischem Gedächtnis erlebt. Früher war Agdestein Fußballnationalspieler und zugleich bester Großmeister Norwegens, fast 20 Jahre lang, bis Carlsen ihn ablöste. Heute ist er Lehrer am „Toppidrettsgymnas“. Er sorgt sich ein bisschen, wie Carlsen die kommenden drei Jahre an der Schule bewältigen soll. „Magnus ist sehr schlau, aber nicht besonders an Schule interessiert.“

Carlsen hat zurzeit sowieso anderes im Sinn, er muss heute gegen Großmeister Gelfand spielen, morgen gegen Mamedjarow und am Sonntag gegen Anand. Seine bisherigen Partien fand er „nicht besonders, aber ganz okay“ – mal abgesehen von der gegen Kramnik.

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