Sport : Nur Schnee auf dem Bildschirm

Bei der Ski-WM wurde gestern der Riesenslalom abgesagt, weil die italienischen Kameramänner streikten

Vincenzo delle Donne[Rom]

Mauricio Gandolfi schüttelte den Kopf, während er das Wort „Schande“ aussprach. Er fühle Bestürzung, Wut und Entsetzen, sagte der Generalsekretär des Organisationskomitees der alpinen Ski- WM. „So etwas gibt es nur in Italien.“ Tatsächlich hat es vergleichbare Vorkommnisse wie die in Bormio, über die sich Gandolfi so echauffierte, bislang nicht gegeben: Der Riesenslalom der Männer musste am Mittwoch eine Stunde vor dem geplanten Start um 9.30 Uhr abgesagt werden. Nicht wegen Schneemangels oder schlechter Sichtverhältnisse. Erstmals in der WM-Geschichte fiel ein Rennen aus, weil die verantwortliche Fersehanstalt die Übertragung nicht sicherstellen konnte. Ein paar Kameraleute des staatlichen italienischen Fernsehsenders Rai, der die Rennen überträgt, hatten einen „wilden Streik“ ausgerufen. Sie protestieren gegen drastische Kürzungen im Zuge der Teilprivatisierung der Rai und dagegen, dass die Senderführung keine Anstalten macht, den bereits seit langem abgelaufenen Tarifvertrag zu erneuern.

Zum Zeitpunkt der Absage war das Zielstadion in Bormio bereits gut gefüllt. Mehr als 1000 Fans waren laut Gandolfi extra aus Österreich und der Schweiz angereist, dazu kamen 900 Schulkinder aus der näheren Umgebung, die mit Bussen nach Bormio gebracht worden waren. Als sie von der Verschiebung des Rennens erfuhren, wollten sie auf die Streikenden losgehen. Nur die anwesenden Carabinieri verhinderten Schlimmeres, indem sie die Kameramänner vor der Wut der Fans schützten. Um 9 Uhr mussten die Zuschauer die Strecke wieder verlassen, genauso wie die Skirennläufer, die sich von 7.30 Uhr an auf der Rennpiste eingefahren hatten. Unter ihnen war auch der große Goldfavorit Benjamin Raich. Der Österreicher konnte sich kaum beherrschen: „Das passt zu dieser WM: Es ist das totale Chaos.“

Noch kurz vor dem Rennen hatte die Rai angeboten, die streikwilligen Kameramänner zu ersetzen. Doch der internationale Ski-Verband (Fis) wollte direkt vor dem Start kein Risiko eingehen. Jetzt befürchtet Fis-Präsident Gian Franco Kasper einen „unabschätzbaren wirtschaftlichen Schaden“. Für die WM in Bormio und die anschließende nordische WM in Oberstdorf hatte der Verbund der europäischen Rundfunkanstalten etwa 45 Millionen Euro an die Fis gezahlt. Die Rai versicherte gestern, weitere Streiks seien ausgeschlossen und kündigte Disziplinarmaßnahmen gegen die ungehorsamen Mitarbeiter an. Für den neu angesetzten Termin (heute, 9.30 Uhr) steht trotzdem ein Ersatzteam von internationalen Kameraleuten bereit. Für alle Fälle.

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