Sport : Nur singen muss er noch lernen

Der Deutsche ist auch nach dem zweiten WM-Titel noch siegeshungrig und auf dem Weg zur Legende

von und Karin Sturm[Suzuka]
Schumacher, pass auf! Sebastian Vettel könnte einige Rekorde des siebenmaligen Weltmeisters brechen. Foto: dpa Foto: dpa
Schumacher, pass auf! Sebastian Vettel könnte einige Rekorde des siebenmaligen Weltmeisters brechen. Foto: dpaFoto: dpa

Am Morgen danach hatte Sebastian Vettel durchaus Mühe, sich verständlich auszudrücken. „Wir waren in einem Irish Pub und hatten alle einen Riesenspaß“, krächzte der neue und alte Formel-1-Weltmeister mit müden Augen bei einem Sponsorentermin in Yokohama. „Die Karaoke-Maschine wurde auch angeschmissen, so dass die Stimmen etwas ruiniert sind.“ Er selbst gab „My Way“ von Frank Sinatra und „Yellow Submarine“ von den Beatles zum Besten, konnte dabei laut der Aussage seines Teams Red Bull aber wohl nicht ganz an seine Leistungen hinter dem Lenkrad anknüpfen. Dort hatte er mit dem dritten Platz beim Großen Preis von Japan vier Rennen vor Saisonschluss ein derart perfektes Jahr mit dem Titel gekrönt, dass sich die gesamte Formel 1 nun fragt, wie es mit dem jüngsten Doppelweltmeister ihrer Geschichte weitergeht.

Klar ist nur, dass Sebastian Vettel noch lange nicht genug vom Siegen hat. „Das macht süchtig“, sagte er am Montag. „Es gibt nichts anderes in meinem Leben, das mir so eine Genugtuung gibt. Man will nicht, dass es aufhört.“ Man dürfe „nichts als selbstverständlich hinnehmen. Es könnte morgen vorbei sein. Wir müssen den Hunger bewahren.“

Schon am Wochenende ist Vettels Siegesappetit wieder gefragt. Dann findet das nächste Rennen in Südkorea statt. Dort und in den folgenden drei Saisonrennen soll noch einmal ein Sieg her. Schließlich geht es für Red Bull noch um den Titel in der Konstrukteurs-WM. Und Michael Schumachers Rekord von 13 Erfolgen in einer Saison (siehe Kasten) ist auch noch zu erreichen.

Und dann? Wohin führt der Weg des Mannes, der sich seinen großen Lebenstraum im Alter von 24 Jahren schon zum zweiten Mal erfüllt hat? Vieles deutet darauf hin, dass Vettel eine ähnliche Ära begründen wird wie der Mann, der noch zur Titelparty vorbeikam: Rekordweltmeister Schumacher. „Als kleiner Junge auf der Kartbahn war er mein Held“, sagte Vettel. „Mit ihm abends anzustoßen, war etwas Besonderes.“

Nicht nur der dreimalige Weltmeister Niki Lauda richtet sich schon auf eine schumi-eske Siegesserie des Heppenheimers ein. „Er will immer wieder versuchen, besser zu sein, und das macht einen Spitzensportler aus“, sagt Lauda. „Deswegen gehe ich davon aus, dass das Ganze so weitergeht.“ Wenn Vettel diesen Ehrgeiz behalte, „dann kann er unter Umständen auch Schumacher schlagen mit sieben Weltmeisterschaftstiteln“. Dabei könnte Vettel auch seine Stärke helfen, mit dem Erfolg umzugehen. „Kein Erfolg der Welt würde ihn abheben lassen“, sagt Formel-1-Boss Bernie Ecclestone. Und im Gegensatz etwa zu Mika Häkkinen, der nach dem zweiten Titel ausgebrannt war, teilt sich Vettel seine Energie intelligent ein. Zwischen den Rennen erdet sich der 24-Jährige in den Bergen seiner Schweizer Wahlheimat, allein in der Natur.

Für weitere Erfolge spricht auch die Kontinuität in Vettels Kosmos. Sein Vertrag bei Red Bull läuft noch bis Ende 2014, und es ist davon auszugehen, dass er ihn erfüllen wird. Zu wohl fühlt er sich in diesem Team, zu vielversprechend sind auch die Erfolgsaussichten der inzwischen perfekt eingespielten Truppe um Chefdesigner Adrian Newey, um einen vorzeitigen Wechsel in Betracht zu ziehen. Red Bulls Motorsportdirektor Helmut Marko hat schon angekündigt, Vettels Vertrag noch einmal verlängern zu wollen.

Aber die Herausforderung, nach langen Jahren bei Red Bull noch einmal anderswo etwas Neues aufzubauen, könnte sich bald als äußerst attraktiv erweisen. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Vettel davon träumt, wie Schumacher eines Tages für Ferrari zu fahren. Viel mehr Optionen hat er auch nicht. Ob McLaren oder Mercedes: Vettel mit seiner so liebenswürdigen Individualität, seiner Spontaneität und seinem eigenen Willen könnte sich in diesen stromlinienförmig gebürsteten Rennställen wohl kaum wohlfühlen.

Nein, das logische Ziel der Vettel-Reise heißt Ferrari. Erst bei dem Traditionsteam, dem Real Madrid des Motorsports, werden Formel-1-Piloten wirklich zu Legenden. Zwar hat Fernando Alonso erst vor Kurzem bei den Italienern offiziell bis 2016 unterschrieben, und die beiden Doppelweltmeister zusammen in einem Team sind kaum vorstellbar. Aber ob für den Spanier weitere fünf Jahre dort wirklich in Stein gemeißelt sind, ist unklar. Der größte Vettel-Fan in der Boxengasse heißt jedenfalls Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali. Und mit jedem weiteren Titel würde sich Sebastian Vettel nur noch mehr Freunde in Italien machen.

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