Sport : Nur Verschwendung bringt Prestige

Wie Real Madrid seinem Image gerecht wird – auf Kosten des Erfolgs

Wolfram Eilenberger

Der Ballettfreund hat es dieser Tage wirklich nicht leicht. Wie der letzte Champions-League-Spieltag zeigte, befindet sich nämlich nicht nur der FC Bayern, sondern auch sein großer weißer Bruder, der C.F. Real Madrid, in einer tiefgreifenderen strukturellen Krise. Bleibt Bayerns eigentliche Schwäche im schwer fassbaren Dunkeln der Nacht, liegt das Problem der seit fünf Spielen sieglosen Madrilenen offen zu Tage. Es ist das absurde qualitative Missverhältnis zwischen Angriff und Verteidigung.

Dabei wären sie diesen Sommer gern und sämtlich zu haben gewesen, Europas feinste Defensivtalente: Nesta, Ferdinand, Rehmer, Metzelder, am Ende gar der goldene Kahn. Gekauft indes wurde, zu horrendem Preis, Ronaldo. Seit Jahren offenbart Madrids Einkaufspolitik einen taktischen Widersinn, der viel zu kontinuierlich betrieben ist, um ihn auf mangelndes Know-how zurückzuführen. Im Gegenteil, der sündhaft teure Schwachsinn hat Methode. Denn tatsächlich zeigt sich der Kader des Jahrhundertklubs mittlerweile als klar getrennte Zweiklassengesellschaft: Offensiven Torjägern (allesamt absolute Weltklasse) stehen defensive Torsammler (unterer Durchschnitt) gegenüber.

Die Unterscheidung zwischen Angreifer und Abwehrspieler war auch im Fußball von je eine wertbehaftete und ist letztlich identisch mit der zwischen Heldentat und Schinderei. Der Verteidiger neidet dem Stürmenden sein Ballvermögen und bekämpft dessen edles Torstreben mit kleingeistiger Hartnäckigkeit, ohne jedoch selbst den Genuss wahrhaft spielentscheidender Größe erfahren zu dürfen. In der öffentlichen Wahrnehmung bleibt der Stürmer dem Verteidiger deshalb sowohl moralisch wie ästhetisch notwendig überlegen.

Eben dieser gewollt neiderzeugende Eindruck quasinatürlicher Überlegenheit, das machohafte Streben nach anzuerkennender Größe sowie die Bestimmung zur unvergleichlichen Heldentat ist konstitutiv für das weltweite Selbstverständnis der Königlichen aus Madrid. Im Vergleich zu Real, so der angestrebte Fan-Effekt, soll jeder andere Klub vor allem wie eines erscheinen, wie ein Verteidiger. Und es ist die zielgerichtete Vertiefung dieses Images, von der sich die Einkaufspolitik der Marke Real Madrid konsequent leiten lässt.

Die Investition von Großsummen in dringend benötigte Abwehrspieler wäre deshalb tatsächlich ein verhängnisvoller Imagefehler gewesen. Rein fußballerisch betrachtet ist solch Prestigedenken zwar funktionsfern, hat aber dennoch seine innere Logik. Denn selbst wenn Real in Serie schwächelt, werden automatisch – und meist völlig zu Recht – seine traurig bekannten Abwehrstümper verantwortlich gemacht. Diese Abwehr aber repräsentiert, wie jeder weiß, nicht das wahre Gesicht von Real Madrid.

Die Niederlage bleibt deshalb, komme was wolle, stets ein Privileg der Anderen.

Mit dem spieltaktisch unnützen, ja schädlichen Erwerb Ronaldos, als siebten Weltklassestürmer im Kader, haben die Madrilenen die Masken der Nützlichkeit endgültig fallen lassen und sich offen zu einem Imponiergehabe bekannt, das der Ökonom Thorstein Veblen vor hundert Jahren – also gerade noch pünktlich zur Vereinsgründung - in seiner „Theorie der feinen Leute“ als demonstrativen Konsum bezeichnete.

Solch königlicher Konsum findet sein Ziel ausschließlich darin, „neidvolle Vergleiche anzuregen“ und somit das soziale Ansehen des Käufers zu erhöhen. Wer im Fußball demonstrativ konsumiert, kauft also nur deshalb, um sich und aller Welt zu beweisen, dass sich andere diesen Spieler nicht leisten können. Die Nachfrage nach feinen Vorzeigeobjekten wie Ronaldo, der Fußballmarkt beweist es immer wieder, steigt deshalb mit ihrem Preis. Je teurer und sinnloser, desto begehrter. Besteht der alles entscheidende Punkt des demonstrativen Konsums nach Veblen doch darin, „dass die Ausgaben, sollen sie das Ansehen des Konsumenten auch wirklich erhöhen, überflüssig sein müssen. Nur Verschwendung bringt Prestige. Dem Verbrauch des unbedingt Notwendigen kommt nicht das geringste Verdienst zu.“ Nur ein Fußballverein, der, wie Jubilar Real Madrid, dieser ruinösen Taktik kompromisslos folgt, wird deshalb als feiner, großer, meisterhafter, herrlicher und weltweit beneideter, mit einem Wort – wirklich reicher Verein in die Fußballgeschichte eingehen. Eine Größe, von der die Münchener Bayern noch mehrere hundert Millionen Euro Schulden entfernt sind. Ohne überdies zu wissen, woran es dieses Jahr eigentlich hapert. Oder sollte man mit Ballack, Zé Roberto und Deisler, schlicht zu vernünftige Spielertypen erworben haben?

Der Autor ist Philosoph und berichtet an jedem ersten Sonntag im Monat aus dem Elfenbeinturm.

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