O2-World-Premiere : Düsteres Spiel nach der Lasershow

Die Füchse Berlin verlieren 27:35 gegen den TBV Lemgo und enttäuschen 14.800 Zuschauer in der neuen Arena.

Hartmut Moheit
Toyota Handball-Bundesliga Saison 2008-2009, 2008 2009 Füchse Berlin - - TBV Lemgo
Abgehoben. Lars Kaufmann wirft für die Füchse Berlin.Foto: City-Press

 „Verdamp lang her“ sang Wolfgang Niedecken in der Halbzeitpause. Aber zumindest in einem Punkt irrte der Frontmann der Kölner Rockband BAP: Erst vor etwas mehr als fünf Monaten hatten die Füchse Berlin in der Handball-Bundesliga gegen den TBV Lemgo gespielt, und damals – im ersten Erstligajahr – den prominenten Gast aus dem Lipperland sogar mit einem Tor besiegt. In einer anderen Sache hatte der BAP-Sänger allerdings Recht: Lang ist es her gewesen, dass die Füchse in einer ausverkauften Halle vor über 10 000 Zuschauern ein Spiel bestritten. Im Januar 1983 war das im IHF-Pokal in der Deutschlandhalle gegen Rostock der Fall. Doch mit dem Bundesligaspiel gegen Lemgo gestern in der mit 14 800 Fans ausverkauften O2-World war dieses Spiel aus heutiger Sicht nicht mehr vergleichbar: Die Füchse Berlin sind nunmehr auch mit ihrem neuen Zuschauerrekord in einer anderen Zeitrechnung angekommen. Sportlich jedoch noch längst nicht, wie das 27:35 (12:17) allein schon aussagt. Viel schlimmer aber war da Zustandekommen der vierten Niederlage im zehnten Saisonspiel. Diesen Nachmittag hatte man sich in Berlin völlig anders vorgestellt. Es sollte eigentlich ein Feiertag werden.

Daraus wurde nichts, mit dem Anpfiff war Schluss mit lustig. Während die Zuschauer noch völlig verzückt waren von Feuerwerk, Lasershow und dem ganzen Premieren-Ambiente, wirkten die Füchse-Spieler wie benommen. Beim 0:5 nach sechs Minuten legte Trainer Jörn-Uwe Lommel bereits die Grüne Karte auf den Kampfrichtertisch und forderte eine Auszeit. Dieser Start hatte auch ihn geschockt. Ausrichten konnte er mit seinen Worten aber nichts. Auch nach der Auszeit hielt Torhüter Petr Stochl kaum einen Ball, die Deckung stand weiter nicht sicher und im Angriff herrschte Harmlosigkeit. So war dem TBV Lemgo nicht beizukommen. Unter den Augen von Bundestrainer Heiner Brand konnte Nationalspieler Michael Kraus locker Regie führen, und wenn er keinen Mitspieler frei sah, warf er eben selbst die Tore, sieben in der ersten Halbzeit. Beim 7:16 nach 24 Minuten drohte den Füchsen sogar eine Blamage, aber über den Kampf konnte sie wenigstens optisch ein besseres Bild abgeben. Ja, beim Fünf-Tore-Rückstand zur Halbzeit bestand sogar noch die Chance zu Wende. Wie würde der TBV, das Team mit 14 deutschen und ausländischen Nationalspielern, die eine Erfahrung von fast 1000 Länderspielen besitzen, darauf reagieren?

Trainer Markus Baur hatte die Gefahr natürlich erkannt, forderte von seinem Team, „nicht nur den Vorsprung zu verwalten“. Aber die Füchse machten es Baurs Mannschaft leicht. Stereotyp vorgetragene Angriffe über die Mitte zeugten nicht von großen Einfallsreichtum, und wenn dann wirklich einmal eine freie Wurfposition da war, wurde sie viel zu selten verwertet. Es zeigte sich in diesem Spiel einmal mehr, dass die Mittel der Füchse gegen Spitzenteams nicht ausreichen. Das Potenzial der meisten Spieler reicht in der Bundesliga in etwa für eine Platzierung neun oder zehn aus, dem offiziell ausgegebenen Jahresziel – aber eben auch nicht für mehr. Dass Lemgo in dieser Saison viel mehr erreichen kann, wurde in Berlin deutlich. Kurze Zwischenspurts reichten aus, um den Erfolg sicher über die Zeit zu bringen. So schöpften die Füchse und ihre Fans beim 17:23 ein wenig Hoffnung, doch noch die Wende zu schaffen. Prompt folgten die Konter: 19:28 hieß es zehn Minuten vor dem Ende. Zu allem Überfluss handelte sich Christian Ciallat nach der dritten Zwei-Minuten-Strafe auch noch die Rote Karte ein.

Lemgo konnte schließlich jubeln, den Auftritt in Berlin hatte sich die Mannschaft viel schwieriger vorgestellt. Die Füchse Berlin mussten mit hängenden Köpfen, nach der deftigen Pokal-Niederlage am Dienstag gegen Flensburg-Handewitt, die zweite Enttäuschung in einer Woche hinnehmen. Gefühlt ist es verdammt lange her, dass sie in einem Heimspiel ihre Fans begeisterten. Dass sie diesmal aber 14 800 enttäuschten, war das Neue.

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