O2-World : Tempel der Klatschpappen

Die neue Arena am Ostbahnhof hat die Zuschauerstruktur im Berliner Sport verändert – womöglich sogar dauerhaft.

Claus Vetter
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Oft voll. Die Arena am Ostbahnhof beim Eishockey.Foto: Mike Wolff

Es ist der Moment, in dem die Klatschpappe ausgedient hat. Die letzten Minuten zwischen den Eisbären und den Hamburg Freezers laufen. Es steht 4:0. 14 200 Menschen stehen, die Welle tobt, von Stirnseite zu Stirnseite der Arena schwappt ein dröhnendes „EHC“. Die Musikeinspielung hat da keine Chance mehr – das Publikum hat die Regie übernommen, die Spontaneität hat über das geplante Event gesiegt. Nicht zum ersten Mal war das am Freitagabend in der neuen Arena am Ostbahnhof so.

Die Klatschpappe ist mit den Eisbären in die neue Berliner Halle eingezogen. Klatschpappe – das ist ein faltbarer, bunter Karton mit dem sich Krach machen lässt, auch im Takt zur Mitklatschmusik in der Arena. Auf der Pappenrückseite findet sich zudem für den Eishockeyneuling noch ein Schnellkurs in Sachen Regelkunde. Abseits, Bully, Icing – es gibt ja massenhaft neue Zuschauer bei den Eisbären. Elf Spiele haben die Berliner in der neuen Halle hinter sich, über 14 000 Zuschauer im Schnitt,  pro Spiel 10 000 mehr als im Wellblechpalast in Hohenschönhausen. Da galten die Eisbären als Ostkiezklub und ihr Terrain betrat nicht jeder Sportfan – erst recht nicht, wenn er aus dem Westteil der Stadt kam.

Elf Spiele haben die Berliner Eisbären in der neuen Halle hinter sich, ihr Zuschauerschnitt liegt bei 14.000 

Woher kommt nun das neue Publikum? Bei den Ticketverkäufen habe man ein Verhältnis von 60 Prozent Ost und 40 Prozent West, sagt Peter John Lee. Der Manager der Eisbären mag das Thema nicht. „West oder Ost interessiert uns nicht, wir sind eine Berliner Marke.“ Und sogar mehr als das: Am Dienstag jubelten die Fußballer von Manchester City auf der Tribüne bei den Eisbären mit, dann erzählt Lee stolz von einer kanadischen Reisegruppe in der Arena. „Meinen Sie, die hätten gefragt, ob die Halle im Osten oder Westen ist?“

Die Halle steht an der Spree, fast auf der Nahtstelle von Ost und West, und sie hat Berlins Sportlandschaft verändert. Albas Basketballer spielen dort vor mehr Zuschauern als noch in der Schmeling-Halle, auch wenn bei den jüngsten Spielen die Besucherkurve nach unten zeigte, zuletzt kamen gegen Trier 8100 Zuschauer. Trotzdem sei der Bundesligist zufrieden, sagt Geschäftsführer Marco Baldi. „Man darf eines nicht vergessen: Die Eisbären hatten zweieinhalb Jahre Zeit, sich auf den Umzug vorzubereiten. Wir hatten nur zwei Monate.“

Drei Jahre lang haben die Eisbären in anderen Hallen Anregungen gesucht

Eisbären-Klubeigner Anschutz hat die Halle gebaut und Alba erst nach langem Hin und Her für die Halle gewinnen können. Drei Jahre lang hätten sich die Eisbären in anderen Großarenen umgeschaut und Anregungen gesammelt, erzählt Klubsprecher Daniel Goldstein. Zudem hat der Verein einen schmissigen Film gedreht, der vor den Spielen auf dem Videowürfel läuft: Da fliegt der Puck über Potsdamer Platz, Brandenburger Tor bis zur O2-World. Rund 50 000 Euro hat die Produktion gekostet – wer neue Zuschauer will, muss auch etwas ausgeben. Die Eisbären hatten bei den ersten Heimspielen einen Deal mit dem Discounter „Lidl“, Alba setzt nun Karten bei „Kaiser’s“ ab. „Einige Klubs in Berlin arbeiten mit vielen Freikarten, andere lehnen Freikarten eher ab“, sagt Baldi. „So hat jeder sein Konzept.“ Die Eisbären arbeiten wie Alba auch nicht mit Freikarten, sagt ihr Sprecher Goldstein: „Wir machen maximal Aktionen mit Partnern, die dann Kontingente aufkaufen.“

Wie dem auch sei – dass sich Alba bei den Zuschauerzahlen auf einem niedrigeren Niveau einpendelt als die Eisbären ist normal: Die Basketballliga ist strukturschwächer als die Eishockey-Liga, in der der Zuschauerschnitt deutlich höher ist. Und: Alba hat in einer Liga mit vielen Kleinstadtklubs mit dem Umzug in die Großarena Neuland betreten. Ein Pendant zu den Berlinern gibt es im Basketball (noch) nicht, während im Eishockey schon die halbe Liga in Großarenen spielt.

Im Regelfall ist Handball nach Eishockey der zweite Mieter aus dem Sport in den deutschen Großarenen. Warum ist das in Berlin nicht so? Man habe bei den Handballern der Füchse erst einmal die Entwicklung abwarten wollen, sagt Detlef Kornett, Europachef der Anschutz-Gruppe. Dreimal gibt es die Füchse in dieser Saison, einmal spielten sie schon vor ausverkaufter Arena, gegen Lemgo. Ansonsten ist der Bundesligist weiter in der Schmeling-Halle – was aber „nicht so bleiben muss“, wie Füchse-Manager Bob Hanning sagt. Er gibt zu, dass die Füchse bei 14 800 Zuschauern einen wesentlich größeren Gewinn erzielen würden als bei 8000 in der Schmeling-Halle. Die Spiele in der O2-World gegen Magdeburg (3. März) und gegen Kiel (10. April) sind bereits ausverkauft.

Die Füchse könnten auch schon bald einziehen

Es ist möglich, dass aus dem Gast ein Mieter wird, sagt Anschutz-Sprecher Moritz Hillebrand. „Denn es könnte ja sein, dass der Umbau vom Handball zu Basketball einfacher ist als vom Eishockey zum Basketball.“ Dann könnten Alba und Füchse an einem Tag spielen – was beim Eishockey und Basketball nicht geklappt hat. Schuld daran ist die Stehtribüne der Eisbären-Fans, die nicht schnell genug abgebaut werden kann. Die Stehränge waren ein Zugeständnis an den harten Fankern, der mit Ostberlin-Rufen für Folklore in der neuen Halle sorgt. Wobei das „Ostberlin“ von den Klatschpappenzuschauern nicht mitgesungen wird. Ansonsten findet André Haase, Chef des Fanmagazins „Eis-Dynamo“, das neue Publikum angenehm. „Es ist erstaunlich, wie gut die mitmachen.“

Wird die neue Arena den Berliner Sport dauerhaft verändern? Unwahrscheinlich ist es nicht. Aus Hallentouristen können Stammzuschauer werden: Im Eishockey hat Köln seit einem Jahrzehnt fünfstellige Zuschauerzahlen, in Mannheim ist das seit drei Jahren der Fall. In Hamburg dagegen ebbte der Zuspruch nach vier Jahren ab. Handball hat sich in den Arenen in Hamburg und Mannheim etabliert, in der Kölnarena dagegen hat der VfL Gummersbach nie einen Boom entfachen können.

Man müsse viel machen, um das Publikum zu binden, sagt Thomas Eichin, Geschäftsführer der Kölner Haie. „Wir arbeiten in Köln seit Jahren mit Konzepten und Aktionen.“ Die sind auch in Berlin nötig. „Wenn wir glauben, nur weil wir in die O2-World gehen, steigt die Zuschauerzahl, haben wir uns geschnitten“, sagt Albas Geschäftsführer Baldi. Bei den Eisbären dagegen ist der Optimismus groß, dass die Arena in ein paar Jahren noch voll ist. „Wir haben uns etabliert“, sagt Lee und verweist auf eine Erhebung, nach der die Eisbären das beliebteste Eishockeyteam im Lande sind – und das mit den schönsten Klatschpappen.

Mitarbeit: Hartmut Moheit, Katrin Schulze und Lars Spannagel.

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