Sport : „Ob da Kollegen nicht ganz dicht sind?“

Bei der Deutschland-Tour wird auch unter den Radprofis fast nur noch über Doping diskutiert

Hartmut Scherzer[Düsseldorf]

Kai Rapp hatte eine Vision: Die Deutschland-Tour als Revanche der Tour de France. Die Helden der Champs-Elysées zum Rückkampf am Rheinufer. Neun Tage nach dem Finale in Frankreich sollten die Protagonisten des Pariser Podiums am Dienstag auf dem Düsseldorfer Burgplatz von der Startrampe zum Prolog rollen. Der Ehrgeiz des deutschen Tour-Direktors ist Ernüchterung gewichen. Die Vision versank im Dopingsumpf. Die große Tour kann gar keine Stars mehr präsentieren, die sie zur kleinen Schwester nach Deutschland hätte schicken können. Floyd Landis mutierte vom Leader des Pelotons zum Leithammel der Verdächtigen. Andreas Klöden („Ich fühle mich betrogen“) hat keine Lust, im Schatten des Dopings durch Deutschland zu radeln. Allein den Verruf des Radsports hat die große Tour der kleinen Tour mit auf den Weg gegeben.

Zur Präsentation der 22 Mannschaften in der Abendsonne über dem Rhein versammelten sich ein paar hundert Schaulustige vor der mobilen Bühne. Kein Gedränge wie früher, wenn Jan Ullrich in die Menschenmenge winkte. Auch der frühere Liebling der Massen steht unter dringendem Dopingverdacht.

Während die Moderatoren mit den Fahrern das übliche Blabla über Form, Ambitionen und Chancen führten, wurde hinter der Kulisse nur über Doping diskutiert. „Wir haben es jetzt schwer mit unserer Glaubwürdigkeit“, sagte Erik Zabel. „Wir werden unserer Vorbildfunktion nicht mehr gerecht. Doch darf man nicht alle über einen Kamm scheren.“ Dennoch: Anstatt jetzt nur auf die bösen Kollegen zu deuten, empfahl der Sprintstar des Teams Milram jedem, „in den Spiegel zu gucken und die Hand für sich selbst ins Feuer zu legen“. Es gehe hier um „Ethik und Moral“, jeder müsse mit sich selbst ausmachen, wie er damit umgeht.

Zabel zählt mit seinen 36 Jahren ebenso wie der 34-jährige Jens Voigt („Alle Doper auf den Scheiterhaufen“) zur älteren Generation. Die jüngere, in Düsseldorf unter anderem vertreten durch die T-Mobile-Hoffnung Linus Gerdemann (23), ist „wütend, dass gute Leistungen bei der Deutschland-Tour nun gleich in Frage gestellt werden“. Gerdemann ist nicht nur ein guter Fahrer, was er mit Platz zwei beim gestrigen Prolog unterstrich (siehe nebenstehenden Text). Gerdemann spricht auch mit klarem Verstand und klugen Sätzen. Er hinterfragt „kritisch den eigenen Sport“, fragt sich, „ob da Kollegen nicht ganz dicht sind?“ Er wehrt sich gegen den Generalverdacht, was aber nicht einfach sei. Gerdemann will nicht von einem Generationsproblem sprechen. „Ich hoffe doch, dass die alte Ära nicht total verschmutzt ist.“ Der Jungprofi will zeigen, dass „Topleistungen auch sauber möglich sind“. Zwar hat er von den Trainingsplänen des umstrittenen italienischen Trainers und Arztes Luigi Cecchini profitiert. „Auf die neuen italienischen Methoden mit kurzen Intervallen und Rennsimulation hat meine Leistung angesprochen“, sagt Gerdemann. Doch da er keinen Anlass zu Spekulationen geben wolle, habe er sich von seinem Trainer getrennt.

Patrik Sinkewitz (25), Deutschland-Tour-Sieger 2004 und Kapitän des T-Mobile-Teams, scheint da weniger konsequent, was die Trennung vom weitaus umstritteneren Michele Ferrari betrifft. Die Zusammenarbeit werde er „erst mal nicht“ fortsetzen. Denn für diese Saison brauche er ja keine Trainingspläne mehr.

Geleitet wird die Magenta-Mannschaft trotz Kündigung von Olaf Ludwig (46), der noch bis 31.Oktober für die Radprofis verantwortlich ist und danach den von T-Mobile gesponserten Rennstall „Olaf Ludwig Cycling GmbH“ (OLC) an den Amerikaner Bob Stapleton übergeben soll. „Ich habe keine Macht mehr“, sagt Ludwig. Die Gründe – unter anderem der „Umgang mit der aktuellen Dopingproblematik“ – der Kündigung seines bis 2008 datierten Vertrages als Betreiber des Teams könne er „nicht nachvollziehen“. Die seien fadenscheinig. „Ich habe gedacht, ich könnte für die nächsten drei Jahre etwas aufbauen. Aber die OLC ist in der ganzen Struktur zu schwach auf der Brust, um unabhängig zu sein.“ Außer der OLC hat auch der Sponsor selbst beim internationalen Radsportverband UCI eine Lizenz für 2007 beantragt. Ludwig weiß, dass er der Verlierer ist. „Wenn eine Kündigung vorliegt, wird die UCI fragen: Was ist denn da los? Wenn T-Mobile sagt, wir bleiben im Radsport, aber wir hätten gern eine Lizenz für den und den, dann ist das kein Thema, wer die Lizenz bekommt.“ Wohl kaum Olaf Ludwig.

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