Sport : Ob der Saubermann des deutschen Sports unschuldig ist, beweist der Fund nicht

Bernd Matthies

Dopingfahnder sind zähe Burschen. Ähnlich wie die Kollegen vom Finanzamt kommen sie selten nur einmal, und sie haben eine vergleichbar präzise Vorstellung davon, was sie suchen und wo es stecken könnte. Bei Dieter Baumann, dem Leichtathletik-Olympiasieger und strahlenden Saubermann des deutschen Sports, waren sie zweimal, am 19. Oktober und 12. November. Nach dem ersten Besuch dauerte es nicht lange, bis er als vermeintlicher Dopingsünder am Pranger stand - und nach dem zweiten? Das ist jetzt die große Frage.

Die Fahnder mussten ein Rätsel lösen. Beim ersten Mal hatten sie zwar Baumanns Urinprobe, fanden im Haus aber nirgendwo sonst eine Spur des Doping-Mittels Nandrolon, das im Urin des Läufers zweifelsfrei nachgewiesen war und überhaupt das Stärkungsmittel der Stunde zu sein scheint. Doch seltsam: Noch Tage danach hatten Baumann und seine Frau immer wieder das Abbauprodukt Norandrostendion im Urin. Die Familie zog in eine andere Wohnung - die Proben wurden negativ. Sie zog wieder zurück - und die Substanz war wieder da. Nun begannen die Fahnder noch einmal von vorn und nahmen auch eine Zahnpastatube mit, die Baumann und seiner Frau gehört. Ein Mitarbeiter von Professor Wilhelm Schänzer, dem Chef des Kölner Doping-Labors, putzte sich die Zähne und hatte wenig später fast 2000 Milligramm der Nandrolon-Abbauprodukte im Urin, das Tausenfache des zulässigen Grenzwerts.

Aber was sagt uns das? Drei Dinge sind einigermaßen sicher: 1. In Zahnpasta hat Nandrolon nichts zu suchen, und es kann bei der Herstellung auf keine denkbare Weise versehentlich hineinkommen. 2. Baumann wird das Mittel kaum absichtlich und routinemäßig beim Zähneputzen eingenommen haben, weil es so praktisch keine Wirkung hätte. 3. Wäre es von heimtückischen Konkurrenten irgendwie in die Zahnpasta eingeschmuggelt worden, hätte es im Urin tatsächlich exakt jene Spuren hinterlassen, die bei Baumann schließlich durch die Analyse entdeckt wurden; es gibt keine Möglichkeit, im Labor die Aufnahme der Substanz durch den Körper zu rekonstruieren und ein Verschwörungs-Szenario zu belegen.

Baumann behauptet nun das nahe Liegende und aus seiner Sicht Selbstverständliche: Die schurkische Intrige sei entdeckt. Er sieht sich bestätigt in seiner eidesstattlichen Erklärung vom 25. November, dass "ich nie Dopingmittel genommen habe", jedenfalls nicht wissentlich. Gestern sprach er vor der Presse von einem "kriminellen Akt" und stellte Strafanzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Doch bewiesen ist damit keineswegs irgendetwas. Denn die andere, nicht sehr glaubhafte, aber doch nicht auszuschließende Möglichkeit wäre, dass Baumann sich vorsätzlich gedopt hat, dummerweise aufflog und das Mittel in Verzweiflung und stiller Hoffnung auf den Spürsinn der Fahnder später selbst in die Tube praktizierte, um als Unschuldslamm dazustehen.

Dummerweise gibt es aber bei positiven Analyseergebnissen nach den allgemein anerkannten Verbandsregeln keine Unschuldsvermutung. Baumann wäre also von jedem Verdacht befreit nur für den theoretischen Fall, dass ein anderer aufsteht und glaubhaft mitteilt, er habe das Ding mit der Zahnpasta gedreht. Oder für den ebenso theoretischen Fall, dass die Kriminalpolizei nun die Fingerabdrücke eines neidischen Konkurrenten auf der Tube findet und ihn zu einem Geständnis bringt.

Wird das passieren? Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Aber Baumann hat immerhin eine passable, keineswegs unglaubwürdige Geschichte. Hunderte überführter Dopingsünder können sich daraus jetzt eine eigene Verschwörungstheorie zusammenbasteln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben