Sport : Ob Mailand, München oder Madrid

Chelseas Trainer José Mourinho scheint auf Abschiedstournee zu sein – heute bei seinem Ex-Klub Porto

Raphael Honigstein[London]

Von José Mourinho sind viele eigentümliche Sprüche überliefert, zum Beispiel der besonders größenwahnsinnige Satz: „Erst kommt Gott, dann ich.“ Das Zitat wird immer wieder gerne hervorgekramt, um seine grenzenlose Egozentrik zu belegen, allerdings hat der Portugiese das in Wahrheit so nie gesagt. Bei seiner ersten Pressekonferenz als Chelsea-Trainer im Sommer 2004 hatte er über seine uneingeschränkte Befehlsmacht beim Ex-Verein Porto referiert und in diesem Zusammenhang erzählt, dass „dort Gott kam und dann ich“. Ein kleiner Unterschied, der vom gewaltigen Medien-Knall schnell übertönt wurde. Der, der nach Gott kam, kehrt heute Abend jedenfalls an die alte Wirkungsstätte zurück, wenn Chelsea in der Champions League im Estádio Dragão auf den Portugiesischen Meister trifft.

Normalerweise sollte das eine Pflichtaufgabe für Chelsea sein, doch die Vergangenheit macht das Duell etwas komplizierter. „Es wird ein Empfang mit zwei Gesichtern werden“, sagt Mourinho. „Es gibt Leute, die verstehen, dass ich nach dem Gewinn des Uefa-Pokals und der Champions League (mit Porto) ein neues Leben wollte, eine neue Herausforderung in einer besseren Liga. Und dann gibt es Leute, die nicht verstehen, warum jemand sich verbessern will. Sie werden ein paar nette Lieder im Stadion singen, ich kenne das aus England. Das gehört zu unserem Job“.

Schon in seinem ersten Trainerjahr an der Themse musste Chelsea in die portugiesische Hafenstadt. Im Dezember 2004, nur wenige Monate nach Portos Sieg im Finale der Champions League, kochten die Emotionen hoch. Mourinho hatte bereits im Mai Morddrohungen bekommen, und vor dem Wiedersehen herrschte wieder höchste Alarmstufe. Am Vorabend des Spiels verweigerte Mourinho aus „Sicherheitsgründen“ die obligatorische Pressekonferenz und nach Chelseas (unbedeutender) 1:2-Niederlage standen in der Mixed Zone im Bauch des Stadions mehr Polizisten als Journalisten. Unmittelbar vor Anpfiff war der 47-Jährige allerdings recht freundlich von den Fans begrüßt worden. Es gab ein paar Pfiffe, aber sehr viel Beifall. Man hatte nicht vergessen, dass der streitbare Trainer Porto nach vielen Jahren ohne internationale Erfolge den großen Glanz zurück gebracht hatte. Las man damals die englische Presse, wurde nicht ganz klar, woher die Anfeindungen genau kamen. Auf Druck der Vereinsführung von Chelsea (und aus Angst vor einer Verleumdungsklage) wurde nicht geschrieben, dass Mourinho von einem Porto-Ultra aus persönlichen Gründen bedroht wurde.

Auch diesmal wird der stämmige, rothaarige Mann, der bei jedem Spiel Mourinhos Sicherheit garantiert, etwas genauer hinschauen, wer im Stadion sitzt. Größere Vorkommnisse werden nicht erwartet, doch für Mourinho dürfte Porto der erste, emotionale Zwischenstopp einer großen Abschiedstournee werden. Die Chancen, dass er seinen bis 2010 laufenden Vertrag in London erfüllt, stünden nach dem Streit mit Chelseas Eigentümer Roman Abramowitsch – es ging um ein Mangel an Neuverpflichtungen im Winter – bestenfalls bei 50:50, sagt ein Vertrauter des Trainers. Nur falls Mourinhos Jahresgehalt von 7,2 Millionen Euro auf mindestens neun Millionen im Jahr aufgestockt wird und er die alleinige Entscheidungsbefugnis in sportlichen Dingen erhält, will er auf der Insel bleiben.

Abramowitsch, der zuletzt mehrere Wochen kein Chelsea-Spiel im Stadion verfolgte, will und kann diese Forderungen eigentlich nicht annehmen. Mit Mourinho als Diktator könnte der Klub sein Ziel der Profitabilität bis 2011 nie erreichen. Im vergangenen Geschäftsjahr hat der Klub trotz vieler Einsparungen immer noch 120 Millionen Euro Verlust gemacht. Gewinnt Mourinho die Champions League, wird er sicher Abschied nehmen. Gewinnt er sie im dritten Anlauf wieder nicht, wohl auch. Chelsea soll mit Inter Mailands Coach Roberto Mancini bereits Einigkeit erzielt haben; Mourinho wiederum rechnet sich gute Chancen aus, „Mancio“ im San Siro zu beerben.

Dass in der vergangenen Woche aus seinem Lager die Nachricht von einem Treffen seines Beraters mit Uli Hoeneß lanciert wurde, passt da gut ins Bild: Mourinho will sich möglichst viele Optionen offenhalten und beim nächsten Arbeitgeber, der auch Real Madrid heißen könnte, die besten Arbeitsbedingungen auszuhandeln. An Sendungsbewusstsein mangelt es ihm nicht. Mourinhos Vision sieht den Gewinn eines Grand Slams vor: Er will die Meistertitel in Portugal, Spanien, Italien und England haben. Und danach Nationaltrainer von Portugal werden.

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