Oberhausens Trainer Bruns : "Wir sind völlig klar in der Birne"

Herthas erster Gegner in der Zweitliga-Saison ist Rot-Weiß Oberhausen. Trainer Hans-Günter Bruns spricht über das Auftaktspiel, den Einheitsbrei im Fußball und über seinen sportlichen Traum.

Hans-Günter Bruns, 55, hat für Gladbach, Schalke und Düsseldorf 366 Bundesligaspiele bestritten. Seit 2006 arbeitet er bei Rot-Weiß Oberhausen.
Hans-Günter Bruns, 55, hat für Gladbach, Schalke und Düsseldorf 366 Bundesligaspiele bestritten. Seit 2006 arbeitet er bei...Foto: dpa

Herr Bruns, was ist die Zweite Liga für Rot-Weiß Oberhausen?

Das absolute Nonplusultra, momentan zumindest. Normalerweise ist die Zweite Liga mit unseren finanziellen Möglichkeiten undenkbar. Aber wir haben bewiesen, dass man nicht nur mit sehr wenig Geld in die Zweite Liga reinkommen kann. Man kann auch mit sehr wenig Geld drinbleiben.

Am ersten Spieltag treffen Sie auf Absteiger Hertha BSC.

Da prallen direkt die totalen Gegensätze aufeinander: Hertha mit dem riesigen Etat, wir mit dem kleinsten der Liga. Das hindert uns aber nicht daran, guten Fußball zu spielen. Mal sehen, was dann am Ende dabei herauskommt.

Moment, Sie sind am Wochenende gegen einen Fünftligisten aus dem Pokal geflogen …

Ja, dieses Jahr sind wir die Loser. Wir haben uns den Finger in der Nase gebrochen.

RWO geht ins dritte Jahr Zweite Liga. Wird das in Oberhausen eigentlich schon als selbstverständlich angesehen?

Für mich ist es das nicht, für die Leute im Verein auch nicht. Aber im Umfeld ist es natürlich oft so, dass vieles als Normalität hingenommen wird, was eigentlich nicht normal ist. Es wird sehr schnell vergessen, was wir hier geschafft haben. Das stimmt mich traurig. Aber das liegt wahrscheinlich in der Natur des Menschen.

Haben Sie sportlich trotzdem einen Traum, der über den Klassenerhalt hinausgeht?

Der sportliche Traum wäre, unsere Mannschaft Stück für Stück so weiterzuentwickeln, dass wir vielleicht mal an die Aufstiegsplätze herankommen. Aber da brauchen wir schon einen Großsponsor. Nur, wo soll der heute herkommen? Und die russischen Oligarchen werden auch immer seltener. Also wird es so weitergehen wie bisher. Was ich nicht schlimm finde. Im Gegenteil.

Wie anstrengend ist es, anders zu sein als die anderen?

Das ist überhaupt nicht anstrengend, das ist ja unsere Philosophie. Wir verhalten uns so, wie wir sind: völlig klar in der Birne, nicht abgehoben. Danach suchen wir unsere Mitarbeiter aus. Die müssen nicht nur ihren Job gut machen, sie müssen auch menschlich passen. Das ganze Paket macht Rot-Weiß Oberhausen aus.

Sie haben RWO als Trainer von der Oberliga direkt in die Zweite Liga geführt, dann mit dem Sportlichen Leiter Jürgen Luginger die Jobs getauscht und ihn Anfang des Jahres wieder als Trainer abgelöst. War das für Sie mehr Lust oder eher Pflichterfüllung?

Eindeutig Pflichterfüllung, ich hatte das überhaupt nicht vor. Aber schon nach relativ kurzer Zeit hat sich bei mir das Gefühl breitgemacht: Das ist eigentlich das, was du am besten kannst und was du am liebsten machst.

Verstehen Sie den modernen Fußball noch?

Wenn ich das schon höre! Moderner Fußball! Was ist denn daran modern? Im Fußball gibt es längst nichts Neues mehr. Es werden nur andere Namen benutzt. Bestes Beispiel ist das 4-2-3-1, das jetzt alle spielen. Das ist dann System- oder Konzeptfußball. Für mich ist das nichts anderes als der alte Catenaccio der Italiener. Die haben früher auch nur mit einer Spitze gespielt. Das ist einfach nur ein sehr defensives System, aber heute wird das Konzeptfußball genannt. Irrsinn ist das.

Bei der WM haben fast alle Mannschaften im 4-2-3-1-System gespielt.

Die WM war für mich eine einzige Katastrophe. Enttäuschend, total enttäuschend. Für den, der den Fußball liebt, war das einfach nur schlimm.

Was hat Sie so sehr gestört?

Alle spielen das Gleiche. Der heutige Fußball ist total festgefahren, die Mannschaften ersticken fast in ihren Systemen. Viele Spieler nutzen ihr Potenzial nur zu 70 oder 80 Prozent. Die letzten 20 oder 30 können sie gar nicht abrufen, weil sie in ein System gezwängt werden. Die Spieler müssen immer ihre Positionen halten, die Viererketten sind starr, die Innenverteidiger schalten sich nie mit ins Offensivspiel ein, so dass mal ein bisschen Bewegung ins Mittelfeld kommt. Man liest immer: Wir müssen hinten gut stehen. Ich habe aber schon lange nicht mehr gehört: Wir wollen da vorne mal Fußball spielen. Da gibt es nur wenige Trainer, die das wollen.

An wen denken Sie?

Jupp Heynckes ist jemand, der offensiv denkt. Das hat man in der vorigen Saison gesehen. Die Leverkusener haben sich nicht nur darauf verlassen, dass hinten die Null steht. Die haben versucht, Tore zu erzielen. Leider ist ihnen am Ende ein bisschen die Linie flöten gegangen. Rein vom Fußball her hätte Leverkusen Platz zwei mehr verdient als Schalke. Schalke war Systemfußball, Leverkusen war Fußball.

Sind Sie bei RWO durch Ihre begrenzten finanziellen Möglichkeiten nicht auch dazu gezwungen, erst einmal defensiv zu spielen?

Man kann ja defensiv denken, aber man muss die Chance nutzen, auch selbst was zu unternehmen. Ich sage weder meinen Außen- noch den Innenverteidigern, dass sie nur hinten zu bleiben haben. Wenn die Möglichkeit da ist, erwarte ich, dass sie sich in die Offensive einschalten – und zwar richtig einschalten, mit Tempo. Das vermisse ich heutzutage. Aber das kommt daher, dass jeder Angst hat, mal mehr als zwei Tore zu kassieren, weil es dann in den Medien sofort heißt: Debakel, Klatsche, Pleite und was weiß ich nicht alles. Dann darf sich der Fan nicht wundern, wenn alle so spielen, als wäre es das oberste Ziel, nur nicht hoch zu verlieren.

Oberhausen ist nicht unbedingt für eine feindselige Medienlandschaft bekannt.

Das ist auch gut so. Wir stehen überhaupt nicht im Fokus. Wir können ganz in Ruhe arbeiten. Das ist optimal.

Würden Sie sagen, dass Sie bei RWO Ihre Bestimmung gefunden haben?

So was sollte man nie sagen. Wer weiß, wie lange ich hier noch tätig sein werde? Ich habe mir einmal vorgenommen, einen Verein aus unteren Regionen in den bezahlten Fußball zu bringen. Das habe ich geschafft. RWO war eigentlich tot. Wir haben hier aus nichts, wirklich nichts, etwas aufgebaut. Unser Aufsichtsratsvorsitzender hat nach dem Aufstieg aus der Oberliga gesagt: Wenn wir uns für die eingleisige Dritte Liga qualifizieren, ist das für RWO wie eine Weltmeisterschaft. Und dann sind wir gleich in die Zweite Liga durchmarschiert. Gut, da sind uns ein bisschen die Begriffe ausgegangen. Eigentlich werden wir jedes Jahr Weltmeister.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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