Sport : Oblomov

Oblomow

Dirk Uffelmann

Was soll man von einem halten, der einen hereintretenden Freund apathisch vom Sofa aus zuwinkt und ihn unter Aufbietung der letzten Kräfte bittet, doch nicht zu nahe zu kommen, denn er komme aus der Kälte? Von einem, für den der Mittagsschlaf Dauerzustand, ja Berufung ist? Von einem, der seine Tage im Schlafrock verbringt und an einem hochtrabenden Plan zum Ausbau seines Gutes webt, der beständig wächst, jedoch niemals verwirklicht wird?

Gerade durch seine Sekundär-Untugenden ist Oblomow, der Held von Iwan Gontscharows gleichnamigem Roman, zum Mythos geworden. Je mehr Oblomow seit Erscheinen des Romans 1859 zur scheinbar treffenden Chiffre für Russland wurde, desto negativer erschien sein Konterpart im Roman, der Halbdeutsche Stolz mit seinen Sekundärtugenden. Da trifft utopisch maximale Planung auf Detailgenauigkeit. Buchhaltung, wie sie sich Stolz zum Lebensprinzip macht, erscheint aus der Perspektive des russischen Misstrauens gegen alles Formale und Penible als monströs.

Für Gontscharows am Westen orientierte Zeitgenossen wird die „Oblomowerei“ zu einem Schreckgespenst, weil dem westlichen Blick der zurückbleibende, aber doch irgendwie herzensgute Oblomow symptomatisch erschien. Durch ihn konnten negative Vorurteile über Russland in ein nettes Gewand gepackt werden – in einen Schlafrock.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben