Öffentliche Diskussion : Biermann und Favre: Wie Fußball geht

Der Fußballbuch-Autor Christoph Biermann diskutiert heute in Berlin mit Herthas früherem Trainer Lucien Favre.

Mathias Klappenbach

Berlin - Was genau hat Philipp Lahm eigentlich gemeint, als er bei seinem Klub FC Bayern München die fehlende Philosophie anmahnte? Nicht nur solche Fragen sind im heutigen Fußball von Bedeutung, das einfache und doch so unendlich komplexe Spiel wird zusehends digitalisiert und verwissenschaftlicht.

Wer ein Bild davon haben will, worum es Philipp Lahm tatsächlich geht, sollte das aktuelle Buch von Christoph Biermann gelesen haben. „Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ bringt den Leser auf den Stand der Dinge über die Entwicklungen in der modernen Fußballwelt, nach der Lektüre kann er mit Fug und Recht behaupten, dass die Analytiker in der Bierrunde beim „Doppelpass“ doch gar nicht wissen, wovon sie reden.

Am Sonntagabend redet Christoph Biermann bei der „Szenischen Spielanalyse“ mit Gästen im Berliner Theater Hebbel am Ufer, auch Herthas ehemaliger Trainer Lucien Favre wird da sein. Favre wird als Mann aus der Praxis erläutern, was man mit den Unmengen von Daten der Spielbeobachtungssysteme in den Stadien eigentlich anfängt. Der Filmkritiker Peter Körte wird etwas zu Fußball und Medienberichterstattung sagen, die Publizistin Carolin Emcke kommt als lernbegieriger Fan, der wie immer mehr andere auch an Fußballwissen interessiert ist. Biermann war mit dem Buch zum Beispiel auch bei Stefan Raab.

Die Zahl der wirklich guten Bücher über Fußball ist überschaubar. Christoph Biermann hat in den vergangenen Jahren einige davon wie „Wenn Du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen“ oder „Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann“ geschrieben. Sie galten nach ihrem Erscheinen jeweils als das Beste, was es derzeit zum Thema gibt, und ebenso verhält es sich nun mit der „Fußball-Matrix“.

Völlig zu Recht. Biermann zeigt den Weg der Veränderung des Spiels durch die digitale Revolution auf. Er hat sich mit Lionel Messi getroffen, der an der Playstation immer seine eigene Figur auswählt und auf dem realen Spielfeld hinterher versucht, diese nachzuahmen. Dort ist Messi von den 90 Minuten 2 Minuten und 12 Sekunden lang am Ball. Ein fantastischer Wert – ein Bundesligastürmer hat den Ball durchschnittlich 45 bis 50 Sekunden pro Spiel. Auch das „Milan-Lab“, das hochmoderne Trainingszentrum des AC Mailand, hat Biermann besucht. Er erklärt, wie der 1. FC Köln mithilfe von studentischen Spielbeobachtern seinen Top-Verteidiger Pedro Geromel gefunden hat, führt mit Felix Magath ein lehrreiches Gespräch über Schach und Fußball und weiß, warum die Spanier die einzigen sind, die wirklich offensiv spielen.

Biermanns Buch zeigt auf, wie Erfolg wahrscheinlicher gemacht wird. Er stellt dem produktionsmittelbasierten Fußball der reicheren Klubs den entgegen, der über weniger Geld, aber einen Wissensvorsprung verfügt. Ein Thema, das auch für den FC Bayern sehr interessant ist.

Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel. Kiepenheuer & Witsch, 255 Seiten, 16,95 Euro.

Sonntag, Hau 1, Stresemannstraße 29, Diskussion und szenische Spielanalysen mit Gästen, 19.30 Uhr.

Montag, Schwalbe, Stargarder Straße 10, Diskussion, 21 Uhr.

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