Sport : Öffentliche Küsse und staatliche Sanktionen

Das ist ja mal wieder typisch. Immer wenn die Sportnation gebannt in den Fernseher schaut, erblickt sie Politiker. Männer der Macht, die sich vor Kameras drängeln und als Sportexperten hervortun. Da philosophiert Innenminister Otto Schily über Fußball-Taktik oder schenkt der Siegerin des Berlin-Marathons öffentliche Küsse. Da setzt sich Bundeskanzler Gerhard Schröder bei Energie Cottbus mit rotem Schal auf die Tribüne. Und da schiebt sich Verteidigungsminister Rudolf Scharping mit den Radlern vom Team Telekom ins Bild.

Doch zum Glück sind da auch noch die Stillen im Lande. Politiker und Staatsanwälte, die hinter der schönen Fassade zum Wohle des Sports tätig werden. Sie werden in diesen Tagen mehr gebraucht denn je. In Deutschland und anderswo.

Es sind Meldungen wie diese, die nach diesen Menschen verlangen: "Spanische Finanzämter machen Jagd auf Profi-Fußball-Klubs und stellen Nachforderungen in Höhe von umgerechnet 400 Millionen Mark", hieß es gestern in Agentur-Berichten. Demnach haben so renommierte Vereine wie Real Madrid, FC Valencia und FC Barcelona immense Steuerschulden angehäuft. Nun will die spanische Politik gemeinsam mit dem Fiskus alle Steuerschlupflöcher schließen. Bisher konnten die Klubs Verträge mit obskuren Agenturen in Ländern mit Niedrigsteuersätzen abschließen. Damit soll nun Schluss sein.

In Deutschland ist die "Autonomie des Sports" ein hohes Gut. Doch wenn der Sport nur für sich verantwortlich ist, nimmt es mancher Verantwortliche nicht so genau. So wie die Vereinsführung des Fußball-Bundesligisten Energie Cottbus, gegen die die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Transfergelder sollen auf Konten in Peru geflossen sein, und im Haus von Energie-Manager Klaus Stabach fanden die Ermittler eine Geldkassette. Nur ein Beispiel, dass es im deutschen Sport allzu oft an Transparenz mangelt. Sei es beim Kampf gegen Doping, bei dem Sportverbände nur auf parlamentarischen Druck zu klaren Sanktionen zu bewegen sind. Sei es bei der Verstrickung des Sportfunktionärs Harold Tünnemann in die DDR-Dopingpraxis, die von einer Kommission unter Vorsitz der Berliner Politikerin Hanna-Renate Laurien untersucht wird, weil die Verbände dazu nicht fähig sind. Oder sei es eben im Fall Cottbus, der nach strengeren Kontrollen auch im Fußball zu verlangen scheint. Bei aller Autonomie darf der Sport nicht außerhalb der Gesellschaft stehen. Dafür muss der Staat sorgen. Mehr denn je.

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