Sport : Öl für Drogen

Auch Giro-Sieger Danilo Di Luca soll gedopt haben

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Auf dem Corso Venezia, wo der 90. Giro d’Italia seine Sieger feierte, herrschte eigentlich Normalität. Die Menschen bejubelten Tagessieger Alessandro Petacchi, der die Etappe im Sprint gewann und natürlich den Gesamtsieger der Italien-Rundfahrt: Danilo Di Luca trug das rosarote Trikot des Führenden, mit dem er strahlend über die letzte Etappe gerollt war. „Ich bin überglücklich, der erste Süditaliener zu sein, der den Giro gewinnt“, sagte der 31-Jährige aus den Abruzzen.

Doch diese Giro-Romantik ist reine Fassade. Das Fernsehen verfälsche, manipuliere die Wirklichkeit, sagte ein Zaungast auf dem Corso Venezia. Tatsächlich schwelgen sowohl die Organisatoren der „Gazzetta dello Sport“ als auch die staatliche Fernsehanstalt Rai davon, dass der Radsport nach dem Dopingskandal durch den „grandiosen“ Di Luca wiederauferstanden sei. Doch der neue Star droht, bereits in den nächsten Tagen im Dopingsumpf unterzugehen. Di Luca sowie Eddy Mazzoleni, Gilberto Simoni und Riccardo Ricco mussten in der Nacht nach der schweren 17. Etappe überraschend zum Dopingtest, und zwar auf Betreiben der nationalen Antidopingkommission. Dabei wurde nicht nur der Urin, sondern auch das Blut der italienischen Fahrer nach verbotenen Substanzen untersucht. Die Namen dieser Radfahrer tauchen nämlich zusammen mit denen von anderen 200 im Rahmen von Dopingermittlungen der Carabinieri von Brescia und Florenz auf.

Die Ermittlungen laufen unter dem Namen „Oil for Drugs“ und betreffen nicht nur diverse Radprofis, sondern auch Profis anderer Sportarten wie Leichtathletik und Personen, die die Dopingsubstanzen vertrieben. Drei Jahre lang ermittelten die Carabinieri und erstellten ein 14 000 Seiten umfassendes Dossier, das sie an die nationale Antidopingkommission übermittelten. In den Akten wird ein Anruf Di Lucas vom 27. Januar 2004 bei Carlo Santuccione erwähnt, in dem er ihn fragt, wie er bestimmte Substanzen bei Dopingkontrollen verschleiern könne. Santuccione beruhigt ihn: „Wenn alle die Substanzen eingenommen haben und das Urin wenig ist, gibt es nichts zu befürchten!“ Dopingermittler Torri gab sich über den weiteren Inhalt der Abhörprotokolle entsetzt. Stark belastet wird zusammen mit Di Luca auch der frühere Telekom-Radprofi Mazzoleni. Er ist mit der Schwester von Ivan Basso liiert, die für ihn Dopingmittel geordert haben soll.

Di Luca selbst gibt sich derweil gelassen. „Wenn Torri mich vernehmen will, werde ich hingehen, wie ich das auch in Pescara gemacht habe. Ich kenne den Inhalt der Abhörprotokolle und sehe dem gelassen entgegen“, erwiderte Di Luca. Schließlich sei für ihn in Pescara vom örtlichen Staatsanwalt schon eine Einstellung des Verfahrens gefordert worden. Das wahre Ausmaß des Dopingskandals dürfte jedoch erst in den nächsten Tagen ans Tageslicht kommen.

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