Sport : Österreich am Ball

Ein halbes Jahr vor dem ersten Spiel entdeckt auch die Politik die Europameisterschaft für sich

Markus Huber[Wien]

Es hat ziemlich lange gedauert, für österreichische Verhältnisse beinahe zu lange, doch jetzt hat auch die Politik die EM 2008 für sich entdeckt. Und das ging so: 150 000 Euro wollte das Kanzleramt des SPÖ-Regierungschefs Alfred Gusenbauer bei einer Trachtenkombo eine offizielle Fanhymne für die Fußball-Europameisterschaft bestellen. Kein Problem, sollte man meinen – doch dann wurde der Plan öffentlich, und die mit Gusenbauer koalierende ÖVP stellte fest, dass die beauftragte Band im vergangenen Wahlkampf den Einpeitscher bei SPÖ-Wahlveranstaltungen gegeben hatte. Über die Hymne soll nun später geredet werden.

Ersatzweise beschäftigen andere Fragen das Land: Wer darf das Land rund um das Großereignis repräsentieren? Wer darf wo, wie oft, auf welchen Ehrentribünen sitzen und dabei die publikumswirksamen Credits vor der geneigten Wählerschaft abstauben? Da geht es schon mal ums Eingemachte, schließlich haben auch die österreichischen Politiker erkannt, dass rund um die WM 2006 Angela Merkel als Bundeskanzlerin einen gewaltigen Popularitätsschub bekam. Und den könnten sowohl der Kanzler als auch sein ÖVP-Vize gut gebrauchen.

Die besten Karten für möglichst viele publikumswirksame Auftritte hat Bundeskanzler Gusenbauer. Schlauerweise hatte er sich bei den Regierungsverhandlungen vor einem Jahr auch den Posten eines Sportministers ins Portfolio verhandelt. Der Koalitionspartner fürchtet nun, dass sich die Europameisterschaft in Gusenbauer-Festspiele verwandeln wird. In groß angelegten Medienkampagnen soll der Kanzler dabei als Fußballkanzler Stimmung für die EM machen. Zudem wurde für die Zeit der Europameisterschaft das Burgtheater von einer SPÖ-nahen Firma angemietet. Im Haus am Ring, direkt an der größten Fanmeile gelegen, sollen während der EM Staatsgäste und Freunde des Hauses Gusenbauer in einer Regierungsloge hofiert werden.

Die ÖVP wird dabei als kleinerer Koalitionspartner nur eine Nebenrolle spielen. Ob das wirklich ein Nachteil ist? Einen Imagegewinn dürfte der Bundeskanzler nur dann erzielen, wenn die österreichische Mannschaft auch begeisternden Fußball spielt. Und damit rechnen derzeit wohl nicht mal Alfred Gusenbauer und seine Parteifreunde von der SPÖ.

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