Österreich - Deutschland : Zwischen Hybris und Komplexen

Das Verhältnis zwischen Österreich und Deutschland ist nicht erst seit einem legendären Fußballspiel in Cordoba ein recht kompliziertes. Österreich lebte immer mit der Rolle des kleinen Bruders, der Niederlagen als normal abhakt und Siege als Großtaten feiert.

Sven Goldmann
Fußball-WM '54 Deutschland - Österreich 6:1
Größer als Cordoba. Fritz Walter trifft im WM-Halbfinale 1954 in Basel zum 5:1 gegen Österreich, das Spiel endet 6:1.Foto: dpa

Die erste gute Nachricht: Es wird am Montag kein zweites Gijon geben. Kein elendes Ballgeschiebe zu Lasten eines Dritten. Bei der WM 1982 war Algerien ohnmächtig dazu verurteilt, den Betrügern aus Österreich und Deutschland zuzuschauen, wie sie am Golf von Biscaya ein Ergebnis über die Zeit schaukelten, das beiden zum Einzug in die nächste Runde verhalf. Am Montag, in Wien, kann es nur einen geben, der den als Gruppensieger bereits feststehenden Kroaten ins Viertelfinale folgt.

Es gibt noch eine zweite, bessere Nachricht: Es kann auch kein zweites Cordoba geben. Für beide Mannschaften geht es heute um alles, um den Verbleib in der Europameisterschaft, die Qualifikation für das Viertelfinale. Bei jenem Legenden umwobenen Spiel bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien ging es um nichts, mal abgesehen davon, dass Deutschland bei einem Sieg über Österreich noch das Spiel um Platz drei erreicht hätte, aber das hat schon vor 30 Jahren niemanden interessiert, am wenigsten die Spieler. Eine mäßig talentierte deutsche Mannschaft, die in der Vorrunde mit Mühe Tunesien ein 0:0 abtrotzte, verlor damals 2:3 gegen Österreich. Gegen ein Österreich, das seine Vorrundengruppe vor Brasilien gewonnen hatte und in seinen Reihen Ausnahmekönner wie Hans Krankl, Herbert Prohaska und Walter Schachner wusste, später allesamt begehrt in den besten Ligen der Welt. Weiß der Himmel, warum die einen dieses Spiel als Schmach und die anderen als Wunder interpretierten.

Hier die Hybris, dort der Komplex. Die Österreicher lebten schon immer ganz gut mit der Rolle des kleinen Bruders, der Niederlagen als Normalfall abhakt und Siege als Großtaten feiert. Interessanterweise ist Gijon allein den Deutschen als Schurkenstück ausgelegt worden, dabei hatten sie zum Zeitpunkt der beiderseitigen Einstellung aller Bemühungen 1:0 geführt und damit immerhin einen Grund, es im Angriff ruhiger angehen zu lassen. Dass die Österreicher gar nicht daran dachten, den Rückstand wettzumachen – sei’s drum, das ist das Privileg vermeintlich kleiner Nationen.

In Spanien, dem Land des WM-Ausrichters 1982, hieß der Nichtangriffspakt übrigens „El Anschluss“, und wahrscheinlich hat das die Österreicher mehr gewurmt als alles andere, diese Erinnerung an die unselige Vergangenheit im Verhältnis zu den Deutschen, von denen viele ahnen, sie könnten mehr mit ihnen gemeinsam haben, als sie eigentlich wollen. Wer will heute in Wien schon wissen, dass vor 70 Jahren gar nicht so wenige Österreicher gar nicht so furchtbar viel dagegen hatten, dem Deutschen Reich als so genannte Ostmark angeschlossen zu werden. Und wer erinnert sich schon daran, dass dieses Land sich 1918 – nach der Zerschlagung des Habsburger Reiches – zunächst Deutschösterreich nannte. Erst die im Ersten Weltkrieg siegreichen Alliierten setzten den neuen Namen Republik Österreich durch und strichen Artikel 2 aus dem „Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich“, der mit den Worten begann: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik.“

Österreich hat sich das neue Selbstbewusstsein lange und hart erarbeitet. Es belegt nach einer Umfrage der University of Chicago aus dem Jahr 2004 in Sachen Nationalstolz Platz vier in der Welt, geschlagen nur von den USA, Venezuela und Australien. Und wer in diesen Tagen durch Wien spaziert, muss zwingend zu dem Schluss kommen, dass sich dieser Nationalstolz vor allem von Erfolgen gegenüber Deutschland nährt. Österreich weist gerne darauf hin, dass es weniger Arbeitslose und mehr Wirtschaftswachstum hat als der große Nachbar. Und es ärgert sich ein wenig darüber, dass die bürokratischen Hürden manchmal noch höher sind als bei den Deutschen, Inbegriff aller Bürokraten. Als die Österreicher zur Heim-EM ihre Autos wie die Deutschen bei der WM 2006 mit Fahnen schmücken wollten, fanden sich schnell ein paar Juristen, die das verbieten wollten. Unter Verweis auf Paragraph 54 des Kraftfahrgesetzes, der das Anbringen von Fahnen an Kraftfahrzeugen nur hohen Beamten knapp unter dem Bundespräsidenten gestattet. Kostenpunkt bei Zuwiderhandlungen: bis zu 5000 Euro.  „Die Botschaft lautet: Seid stolz auf dieses Land, ihr habt nichts damit zu tun“, spottete die seriöse „Presse“. Der Verkehrsminister persönlich musste einen Fahnenerlass verfügen. Jetzt genießt Rotweißrot Fahnenhoheit auf den Wiener Straßen, auch und erst recht vor dem Spiel heute gegen die Deutschen.

Dass sportliche Wettkämpfe heute für das nationale Selbstbewusstsein das sind, was früher Kriege waren, ist keine neue Erkenntnis. Cordoba war den Österreichern auch deshalb so wichtig, weil es der erste Sieg gegen die Deutschen seit jenem Halbfinale bei der WM 1954 war. Die deutsche Nationalmannschaft war 1954 ein Niemand, Österreich wähnte sich immer noch in der Tradition der eleganten Wiener Kaffeehausfußballer der frühen Dreißigerjahre, die – das muss zur Ehrenrettung gesagt werden – den von Hitler erzwungenen Zusammenschluss mit den Deutschen vehement ablehnten. Die 1:6-Niederlage im WM-Halbfinale von 1954 gegen Fritz Walter und Co. traf die Österreicher schwer.

Diese Mannschaft der frühen Dreißiger um den genialen Matthias Sindelar war nach England die beste der Welt, sie trug den Namen „Wunderteam“. In dieser Tradition nennen die Österreicher ihre Nationalmannschaft noch heute „das Team“, auch wenn es seit Jahren wenig Wundersames vollbringt. Mal abgesehen von einer legendären 0:1-Niederlage gegen die Färöer, die vor bald 18 Jahren das Ende der ersten Amtszeit des heutigen Bundestrainers Josef Hickersberger bedeutete. Hickersberger war übrigens auch 1978 in Cordoba dabei, damals noch als eher unauffälliger Mittelfeldspieler im Schatten des genialen Herbert Prohaska. Von Cordoba mag er nichts mehr hören, „das ist längst abgehakt“, sagt Hickersberger.

Aber auch er weiß vor dem heutigen Spiel um alles oder nichts: „Was gibt es Schöneres, als in einer solchen Situation gegen Deutschland zu spielen?“

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