Sport : Österreich erlebt sein Wunder

Hermann Maier gewinnt nach schwerer Verletzung das erste Weltcup-Rennen – pünktlich zur anstehenden alpinen Ski-WM

Markus Huber

Wien. Einerseits: „Wunder gibt’s kane“, sagt der Österreicher gerne – vor allem dann, wenn’s um Fußball geht.

Andererseits: „Geht ned, gibt’s ned“, sagt der Österreicher auch nicht ungern – vor allem wenn’s um Skisport in der Alpin-Variante geht.

Und seit Montag kurz vor elf Uhr mittags ist wieder einmal klar, warum die optimistischen Österreicher allesamt Alpinisten sind: „Eh klar, alles geht, und Wunder gibt’s frei Haus dazu, denn dafür sorgt Er, der „Titan“ („Kurier“), der „Unsterbliche“ („Kronen-Zeitung“), der „allergrößte Skifahrer aller Zeiten“ (ORF). Kurz vor elf hatte Hermann Maier mit Startnummer 22 beim Super-G in Kitzbühel mit Laufbestzeit abgeschwungen, und als auch die Nummer 31, sein Intim-Feind Stephan Eberharter, Maiers Zeit nicht unterbieten konnte, war die Sensation perfekt: 688 Tage nach seinem Weltcup-Sieg, 17 Monate nach seinem Motorrad-Unfall und 13 Tage nach seinem überraschenden Comeback beim Riesenslalom in Adelboden hat Maier wieder ein Weltcup-Rennen gewonnen.

Ein Wunder? Aber ja, zumindest für die Österreicher. Denn vor 13 Monaten hatten nicht viele Skifans zwischen Boden- und Neusiedlersee darauf gewettet, dass der Maier jemals wieder richtig zurückkommen würde. Ein deutscher Rentner hatte Maier mit seinem Kleinwagen bei Tempo 80 im Ortsgebiet vom Motorrad geschubst. Maier lag mit einer offenen Fraktur des rechten Unterschenkels im Salzburger Krankenhaus, und viel hat nicht gefehlt, dann wäre ihm der rechte Unterschenkel amputiert worden. Eineinhalb Weltcupwinter litt sich ganz Österreich mit dem reichsten Skifahrer aller Zeiten durch die Reha, war dabei, als er nach dem Unfall zum ersten Mal in die Kraftkammer humpelte und vor knapp einem Jahr seine ersten Schwünge in den Flachauer Schnee zog. Der 40 Zentimeter lange Stahlnagel, der sich durch Maiers rechten Unterschenkel zieht, ist mittlerweile bekannter als einige Regierungsmitglieder und die halbe Fußball-Nationalmannschaft.

Und jetzt, ausgerechnet vor der Ski-WM in St. Moritz, dieser Sieg. „Ich bin gerührt. Das ist jetzt einer der schönsten Momente, wenn nicht der schönste überhaupt. Ein unglaubliches Gefühl“, sagte Maier im Zielraum. Und auch die anderen ÖSV-Granden bekamen angesichts des Fünffach-Triumphs – Maier gewann vor vier weiteren Österreichern – ihre Emotionen kaum in den Griff: „Das ist einer der schönsten Tage für den Ski-Sport“, sagte der Alpinchef des Skiverbands Hans Pum. Der auch nicht ganz schlechte Abfahrer Andreas Schifferer sagte: „Unglaublich, ich hätte es ihm nicht zugetraut. Wenn man den Fuß gesehen hat, ist es unglaublich, dass da überhaupt ein Skischuh rundherum passt.“ Und am treffendsten drückte es wohl der ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel aus: „Viele haben daran gezweifelt, um so schöner ist es jetzt, dass Hermann Maier wieder zurück ist. Das ist ein phänomenales Ereignis für den Skisport und den ganzen Wintertourismus.“

Tatsache ist, dass der Weltcup-Zirkus Maier braucht wie eine gelungene PR-Kampagne. Für die nachfahrenden Nationen war der Weltcup schon zu Zeiten Maiers langweilig, doch seit seinem Unfall brachen die Quoten auch am heimischen Markt ein. Stephan Eberharter, eigentlich auch kein Langsamer, konnte so viel gewinnen, wie er wollte – ohne Maier war das alles nichts wert, Eberharter konnte die Phantomschmerzen der Alpenländer nicht lindern. Maier kassierte selbst als Reha-Patient mehr von seinen Sponsoren als Eberharter im Jahr seines Olympia- und Gesamtweltcupsiegs.

Schon Maiers Comeback in Adelboden geriet zum Staatsakt, knapp eine Million Österreicher quetschten sich vor die TV-Geräte, um bei Maiers erstem Lauf dabei zu sein, was angesichts der Zeit – Dienstagvormittag, zehn Uhr – nicht schlecht ist. Das alte Match Maier gegen Eberharter geht dank des Kitzbühel-Sieges in die nächste Runde. In Österreich sind damit die Quoten gerettet. Und wahrscheinlich interessiert das auch die Deutschen. Schließlich war einer von ihnen maßgeblich daran beteiligt, dass das Comeback überhaupt möglich wurde.

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