Sport : Östliches Versprechen

Die WTA sucht die Frau in der Tennisspielerin – und findet die Russin Maria Scharapowa

Benedikt Voigt

London. Sie ist blond, misst einen Meter und 75 Zentimeter und feiert am 19. April Geburtstag. „Sie hat eine Figur, von der man denkt, dass sie besser auf einen Mailänder Laufsteg passt als auf einen Tennisplatz“, schreibt der „Daily Star Sunday“. In nur sechs unglaublichen Tagen, berichtet die Zeitung weiter, hätte sie in Wimbledon die Herzen, Gedanken und Fantasien eines jeden Fans erobert. Der „Sunday Mirror“ fühlt sich sogar zu einer kleinen Anzüglichkeit animiert. Unter einem Foto, auf dem sie etwas zu breitbeinig Tennis spielt, prangt die doppeldeutige Bildunterschrift: „Voller östlicher Versprechen“.

Seit Samstagnachmittag besitzt die Tennisszene ein neues Glamourgirl. Es heißt Maria Scharapowa, ist 16 Jahre alt, wurde in Sibirien geboren und lebt seit sieben Jahren in den USA. Was der Teenager gegenwärtig sportlich beim Rasenturnier in Wimbledon leistet, ist bemerkenswert. Mit einer Wild Card gelangte Scharapowa in die Hauptrunde, nun steht sie im Achtelfinale, in dem sie heute gegen ihre Landsfrau Swetlana Kusnetsowa antritt. Zuletzt warf sie die an Nummer elf gesetzte Jelena Dokic aus dem Turnier, anschließend bewältigte sie routiniert ihre dritte Pressekonferenz in einer Woche. „Wenn ich in ein Turnier gehe, will ich auch gewinnen“, sagte Scharapowa, „das ist meine Philosophie.“ Sie spielt gut Tennis und sieht, wie die britischen Boulevardzeitungen mit sicherem Blick feststellen, auch noch gut aus. Das macht eine Tennisspielerin in diesen Tagen aus.

Der Frauentennis-Organisation (WTA) kommt Maria Scharapowa gerade recht. War es doch um die anderen Tennismodels ein wenig zu ruhig geworden. Die Russin Anna Kurnikowa spielt womöglich gar nicht mehr Tennis, so richtig weiß das keiner. Und die Schlagzeilen über Daniela Hantuchova trugen nur noch selten die erwünschten Inhalte. Ging die magere Slowakin im letzten Jahr noch als hübsch durch, rätselt man inzwischen über ihr geringes Gewicht und ihre schwache Form. Da passt es nur zu gut, wenn eine 16-jährige Russin verkörpert, was sich die WTA unter Frauentennis vorstellt: Verbindung von Sport und Schönheit.

Deshalb startete die WTA in Wimbledon eine neue Image-Kampagne. „Get in touch with your feminin side“ heißt sie, und soll die Frau in der Tennisspielerin befördern. Die Weltranglistenerste Serena Williams ist für eine solche Idee sehr empfänglich. „Ich ziehe mich gerne gut an“ sagt die 21-Jährige, „und ich gehe gerne über rote Teppiche, hauptsächlich, um meine eigenen Entwürfe vorzustellen.“ Ihre Schwester Venus besucht eine Modeschule, weshalb Serena eine neue Generation von Spielerinnen ausgemacht hat. „Wir versuchen athletisch und gleichzeitig auch feminin zu sein.“ Serena Williams fördert ihre eigene feminine Seite, indem sie Kleider entwirft. In Wimbledon sprach sie von dem Plan, eine eigene Marke zu schaffen. Eine Pressekonferenz mit Serena Williams entwickelt sich inzwischen mehr zu einem Fachgespräch über Mode denn zu einem über Sport.

Es ist allerdings auch so, dass das Frauentennis nur noch wenige Überraschungen beinhaltet. Zu groß ist der Leistungsabstand zwischen den ersten vier der Weltrangliste und dem Rest. In Wimbledon mussten Serena und Venus Williams, Justine Hénin-Hardenne und Kim Clijsters bislang keinen Satz abgeben. Immerhin ist der Abstand zwischen den Williams-Schwestern und den Belgierinnen geringer geworden. Und seit Serena Williams bei den French Open im Halbfinale gegen die spätere Siegerin Hénin-Hardenne verlor, ist auch die Weltranglistenerste nicht mehr unantastbar.

Immer mehr Spielerinnen aus dem Osten sind unter den Besten der Welt. „Sie trainieren einfach härter“, sagt Scharapowa. Fünf Russinnen stehen im Achtelfinale von Wimbledon, wobei der jüngsten die größte Aufmerksamkeit zuteil wird. Die englischen Zeitungen sind begeistert von dem neuen Gesicht, doch allzu oft wird man die 16-Jährige in diesem Jahr nicht sehen können. Eine Regel limitiert die Zahl der WTA-Turniere, an denen eine Tennisspielerin teilnehmen darf, die noch nicht volljährig ist. Die WTA will dadurch ähnlich kurze Laufbahnen wie bei Martina Hingis verhindern. Die frühere Weltranglistenerste musste ihre Karriere wegen vieler Verletzungen mit 22 Jahren beenden.

Was aber passiert, wenn sich Scharapowa zur Attraktion des Frauentennis entwickelt? Die WTA könnte ein Problem bekommen, glaubt der ehemalige Tennisspieler Brad Gilbert. „Wenn Scharapowa Wimbledon gewinnt, und nur noch fünf Turniere sie in den nächsten sechs Monaten verpflichten dürfen, kann man abwarten, wie alle anderen verrückt spielen“, sagte Gilbert der BBC. „Aber die Rechtsanwälte werden es lieben.“

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