Sport : Offensiv zurückhaltend

Hertha BSC steht kurz vor dem Aufstieg, will sich aber nicht zu früh freuen

Berlin - Pierre-Michel Lasogga lernt gerade die Schattenseiten des schnellen Ruhms kennen. Die Verpflichtungen nehmen zu, die Freizeit schwindet. Als der Stürmer von Hertha BSC am Mittwoch nach dem Training noch fleißig Autogramme schreibt und die Fotowünsche der Fans erfüllt, rauschen seine Kollegen bereits frisch geduscht und gekämmt vom Gelände. Der 19 Jahre alte Lasogga, dank seiner Tore so etwas wie der Shootingstar der vergangenen Wochen, ist so gefragt, dass er ein bisschen länger braucht.

Die Umstände tun das Ihrige. Es sind Osterferien, die Sonne scheint, und Herthas Abschied aus der Zweiten Liga nimmt langsam deutliche Formen an. Das fördert das allgemeine Interesse an der Arbeit der Berliner Fußballer, auch wenn von ihren Übungen am entfernten Ende des weitläufigen Trainingsgeländes nicht allzu viel zu sehen ist. Trainer Markus Babbel lässt seine Spieler laufen und bittet zu gymnastischen Übungen, der Ball kommt nur sporadisch zum Einsatz. Es soll bloß nicht der Eindruck entstehen, dass das Training angesichts der Tabellensituation nur noch als Beschäftigungstherapie dient. „Es muss eine Woche wie jede andere sein“, sagt Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger.

Seinem Trainer spricht er damit aus der Seele. Ob er denn immer noch keine Vorfreude verspüre, wird Babbel gefragt. „Nee“, antwortet er. „Worauf denn?“

Etwas übertrieben ist diese offensive Zurückhaltung bei Hertha schon. Einen Sieg braucht der souveräne Tabellenführer noch aus den verbleibenden vier Saisonspielen, um die Rückkehr in die Bundesliga rechnerisch perfekt zu machen. Wenn überhaupt. Es ist sogar möglich, dass die Berliner schon aufgestiegen sind, wenn sie am Montagabend beim MSV Duisburg antreten: falls nämlich der VfL Bochum am Donnerstag in Paderborn verloren und Greuther Fürth am Samstag bei 1860 München nicht gewonnen hat. „Ich bin nicht der Typ, der auf andere hofft“, sagt Babbel. Er werde sich auch nicht vor den Fernseher hocken und mitfiebern; wenn aber der Fall der Fälle eintreten sollte, „werd ich’s mit Sicherheit erfahren“.

Ein bisschen komisch wäre es schon: Da fiebert man ein ganzes Jahr diesem einen besonderen Moment entgegen, und dann ist man nicht einmal aktiv daran beteiligt. Also doch lieber bis Montag warten und dann mit einem Sieg gegen den Pokalfinalisten aus Duisburg selbst alles klarmachen, anstatt auf dem Fernsehsessel Erstligist zu werden? „Gute Frage“, sagt Andre Mijatovic. „Vom Gefühl her eigentlich ja“, andererseits: Je früher der Aufstieg feststeht, desto besser.

Die Berliner haben sich längst ein Ziel nach dem großen Ziel gesetzt: Sie wollen Meister werden, „damit wir nach dem letzten Spieltag gegen Augsburg richtig feiern können“, wie Mijatovic sagt. Seit zwei Jahren bekommt auch der Erste der Zweiten Liga eine eigene Trophäe. Sie ist der Schale für den Deutschen Meister nachempfunden, wiegt achteinhalb Kilogramm und hat einen Durchmesser von einem halben Meter. Herthas Mittelfeldspieler Peter Niemeyer, der nach seiner Wadenverletzung aus dem Spiel gegen Osnabrück heute erstmals wieder mit der Mannschaft trainieren soll, fühlt sich bei dem guten Stück aber eher an eine Felge als an eine Schale erinnert. Ästhetische Aspekte spielen für Hertha in diesem Fall nur eine untergeordnete Rolle. „Auch wenn die Meisterschale nicht schön ist, haben möchte ich sie trotzdem“, sagt Trainer Babbel. „Es wäre doch grausam, wenn wir den Augsburgern den Vortritt lassen müssen.“ Und das auch noch im eigenen Stadion.

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