Sport : Offensive der Zeugen

Vier Berliner Schiedsrichter belasten Robert Hoyzer – der Verdächtige reklamiert seine Unschuld

André Görke[Armin Lehmann],Friedhard

Berlin - Die Berliner Fußball-Schiedsrichter haben in den vergangenen Tagen viel ertragen müssen. Robert Hoyzer ist schließlich einer von ihnen. Das schlechte Licht, das auf Hoyzer wegen der Manipulationsvorwürfe fiel, warf auch einen Schatten auf andere Berliner Schiedsrichter. Immerhin können sie sich jetzt wohl zugute halten, zur Aufklärung des Falls entscheidend beigetragen zu haben. Am Mittwoch der vergangenen Woche wandten sich die Bundesligaschiedsrichter Lutz Michael Fröhlich, und Manuel Gräfe sowie die Assistenten Olaf Blumenstein und Felix Zwayer an den Schiedsrichterausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), um „Hinweise, Informationen und Zeugenaussagen“ weiterzugeben, wie sie gestern in einer Presseerklärung schreiben.

Mehr wird in den nächsten Tagen von den vier Zeugen nicht an die Öffentlichkeit kommen. Alle vier haben sich zum Schweigen verpflichtet. Sie haben Angst, in ein schwebendes Verfahren einzugreifen, und sie fürchten mögliche Hintermänner des verdächtigen Schiedsrichters Hoyzer. Aus dem Umfeld ist zu erfahren, dass alle Vier erheblich unter der Situation leiden.

Zum erheblichen Unwohlsein der Berliner hat vor allem das unprofessionelle Vorgehen des DFB beigetragen (siehe Kommentar). Dass sie mit einer Presseerklärung an die Öffentlichkeit gingen (siehe Kasten), hat einen simplen Grund: DFB-Präsident Theo Zwanziger hatte unter den möglicherweise manipulierten Spielen auch das Zweitligaspiel zwischen Rot-Weiß Essen und dem 1. FC Köln genannt. Dieses Spiel aber leitete Schiedsrichter Manuel Gräfe aus Berlin. Er rief deshalb nach Zwanzigers Erklärung „völlig konsterniert“ beim DFB an, um Auskunft zu verlangen. Am Abend musste der DFB dann eine Ehrenerklärung für das Schiedsrichtergespann abgeben. Da aber niemand vom DFB dementierte, dass der 25 Jahre alte Hoyzer versucht habe, Einfluss auf einen der Assistenten zu nehmen, war klar: Der DFB hatte seine Kronzeugen verraten.

Innerhalb des DFB hat das Vorgehen auf der Pressekonferenz nach Informationen des Tagesspiegel zu erheblichen Verwerfungen geführt. Dem für die Formulierungen verantwortlichen Pressechef Gerhard Meier-Röhn wird „Versagen“ vorgeworfen.

Unterdessen meldete sich der Beschuldigte Hoyzer gestern im Fernsehen zu Wort. „Mir geht es sehr schlecht, und ich beschäftige mich Tag und Nacht mit dieser Situation. Ich habe nicht betrogen“, sagte Hoyzer in einem Interview mit „TV Berlin“. Ihm wird vorgeworfen, mindestens fünf Spiele im DFB-Pokal, in der Zweiten Bundesliga und in der Regionalliga manipuliert zu haben. Zuvor soll er auf die Spiele gewettet haben. Hoyzer hat einen Anwalt eingeschaltet. Er wird von der Kanzlei Holthoff-Pförtner vertreten mit Sitz in Essen und Berlin. Diese Kanzlei vertrat auch Altkanzler Helmut Kohl in seiner Auseinandersetzung mit der Birthler-Behörde wegen der Herausgabe seiner Stasi-Akten.

Die Berliner Schiedsrichter haben den DFB am Mittwochabend vergangener Woche informiert. Aus dem Umfeld des Verbandes ist zu hören, dass die Schiedsrichter selbst lange unsicher waren, ob ihre Informationen stimmen könnten. Anscheinend haben alle damit gerechnet, dass man noch Einfluss auf Hoyzer nehmen könne. Dann aber sei klar gewesen, dass alle ehrenwerte Versuche gescheitert waren. Hoyzer kennt die Schiedsrichter-Kollegen, die ihn nun indirekt belasten. Allerdings gibt es schon seit einiger Zeit keine privaten Kontakte mehr.

Auch das Schiedsrichter-Beobachtungssystem steht nun in der Kritik. Deshalb will sich der Schiedsrichterausschuss demnächst erklären. In einer internen DFB-Rangliste wurde Hoyzer am Ende der vergangenen Saison als zweitbester Zweitliga-Schiedsrichter geführt. Dabei hatte Hoyzer schon zuvor zahlreiche umstrittene Entscheidungen getroffen. Lehrwart Eugen Striegel sagte: „Dass es zu Manipulationen kommen kann, das war für uns bisher vollkommen ausgeschlossen und undenkbar. Ich hätte die Hand ins Feuer gelegt für jeden einzelnen Schiedsrichter.“

Nach dem Hamburger SV hat nun auch Greuther Fürth Einspruch gegen ein von Hoyzer geleitetes Spiel eingelegt. Die 0:1-Niederlage im Punktspiel beim MSV Duisburg am 26. September 2004 soll nach dem Willen des Klubs annulliert werden, weil Hoyzer ein klares Handspiel nicht geahndet hatte, das dem Siegtor vorausgegangen war. Dieses Spiel hatte der DFB bislang nicht als von Hoyzer manipuliertes Spiel aufgeführt.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft weiterhin, ob eine Straftat begangen worden sein könnte. Sie ist zuständig, weil Hoyzer vor vier Monaten von Berlin nach Salzgitter gezogen ist. „Eine Anhörung ist aber im Moment noch nicht geplant“, sagt Staatsanwalt Klaus Ziehe. Bisher gebe es auch noch keine Strafanzeige gegen Hoyzer, auch noch nicht vom Deutschen Fußball-Bund. „Hoyzer ist durch die Berichterstattung schon stigmatisiert. Wir werden deshalb umso sorgfältiger vorgehen“, sagte Ziehe.

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