Sport : Offensivkünstler, Defensivstrategen

Nach dem Sieg gegen Frankreich diskutieren die Spanier über Stilfragen und mangelndes Spektakel. Der „Unsichtbare“ Xabi Alonso ist der neue Held.

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Last Man dribbling. Franck Ribéry muss sich gegen Spanien einsam vorgekommen sein. Zu selten bekam er Unterstützung von seinen Mitspielern. Foto: dpa
Last Man dribbling. Franck Ribéry muss sich gegen Spanien einsam vorgekommen sein. Zu selten bekam er Unterstützung von seinen...Foto: dpa

Das 2:0 im Viertelfinale gegen Frankreich war wieder einer dieser spanischen Auftritte, an denen sich die Geister scheiden. Schön, weil dominant und passsicher? Oder langweilig, weil nur auf Ballbesitz und nicht auf das Erspielen von Torchancen aus? „Spanien hat versucht, die Franzosen und die Zuschauer einzuschläfern, und das haben sie geschafft“, sagte Arsenal-Coach Arsene Wenger und fällte ein vernichtendes Urteil über den Auftritt des Welt- und Europameisters: „Das war ein Nicht-Spiel bei viel Ballbesitz.“ Die spanische Tageszeitung „El País“ sah eine Partie, in der Favorit Spanien „eher entschlossen als schön“ agierte. Es ist schon verblüffend, wie negativ die Experten das 18. niederlagenlose Pflichtspiel der „Furia Roja“ in Folge beurteilten, das zudem den ersten Sieg über Frankreich bei einem großen Turnier bedeutete. Zufrieden war nur Vicente del Bosque. Seine Spieler hätten sich als Team stabilisiert, sagte der Fußballlehrer. „Spiele wie dieses sind bei einem Turnier immer eng. Frankreich hatte wenige Chancen.“

Damit traf del Bosque den Kern, bei genauer Betrachtung wurde nur der Kopfball von Mathieu Debuchy nach dem Seitenwechsel für Torhüter Iker Casillas zur echten Gefahr. Die Pass-Aficionados werden zunehmend zu Defensivstrategen, im Turnierverlauf zeigte sich die Qualität der Mannschaft nicht nur in der atemberaubenden Passsicherheit, sondern vor allem darin, nach Ballverlusten möglichst viele eigene Spieler hinter den Ball zu bekommen. Gelegenheiten für die Gegner sind rar und enden in den Armen von Casillas. Ein einziges Gegentor hat Spanien bislang zugelassen.

Beim WM-Sieg 2010 waren es insgesamt drei Tore, beim letzten EM-Triumph zwei. Was noch wichtiger ist: All diese Gegentore fielen in Vorrundenpartien, seit 2006 haben die Spanier in K.-o.-Spielen stets zu Null gespielt. Das musste auch die deutsche Nationalmannschaft leidvoll erfahren. Nach dem mühevollen 1:0 im WM-Viertelfinale gegen Paraguay 2010 schien Spanien entzaubert, ließ der zuvor berauscht aufspielenden DFB-Elf im Halbfinale jedoch keine Chance. Dass die Defensive auch ohne den verletzten Leader Carles Puyol so glänzend funktioniert, liegt jedoch nur bedingt an den Abwehrspielern selbst.

Alvaro Arbeola ist fußballerisch limitiert und agiert bislang lediglich solide, Sergio Ramos spielt eine mehr als durchwachsene EM, sein Nebenmann Gerard Pique immerhin stabilisierte sich nach einem schwachen Auftritt im ersten Spiel gegen Italien. In den Vordergrund drängt sich dagegen zunehmend Jordi Alba, der gegen die Franzosen mit seiner Flanke in der ersten Halbzeit die Führung vorbereitete. Der wendige Offensivverteidiger aus Valencia hatte perfekt auf Xavi Alonso geflankt, der damit in seinem 100. Länderspiel zum Held wurde.

Dabei steht Alonso ungern im Mittelpunkt. So zaudernd er nach seinem Kopfballtor jubelte, so schüchtern wirkte er, als ihm Offizielle nach der Partie die Trophäe als „Man of the Match“ verliehen. Zusammen mit Sergio Busquets ist Alonso der Hauptgrund dafür, dass die spanische Defensive sich zur weltweit besten entwickelt hat. „Wenn man zwei Tore beim Jubiläum erzielt und dann auch noch das Halbfinale erreicht, ist das natürlich eine ganz feine Sache“, sagte der 30-Jährige, der wenig redet und noch weniger über sich selbst spricht. „Er ist einfach ein Weltklassespieler und ein großer Stratege. Es macht großen Spaß, mit ihm zusammenzuspielen und von seiner Erfahrung zu profitieren“, hat Sami Khedira mal über seinen Nebenmann bei Real Madrid gesagt.

So ist es kein Zufall, sondern symptomatisch, dass mit Alonso ein sonst nur von Experten bewunderter Akteur zum Hauptdarsteller wurde. Wo sich Iniesta, Xavi und Silva teilweise auf den Füßen standen, entwickelte sich der ruhige Stratege zum wahren Taktgeber. Dass er dabei noch die Löcher stopft, die nach Ballverlusten seiner offensiveren Kollegen entstehen, macht Alonso doppelt wertvoll. Alleine seine präzisen Ballverlagerungen auf die rechte Seite, zum oft freien Arbeola, zeigten gegen Frankreich seine Spielintelligenz.

Die erdückende Dominanz der Spanier mag nichts fürs Auge gewesen sein, eine Favoritenrolle der Deutschen lässt sich daraus aber nicht ableiten. Ein gutes Pferd springt immer nur so hoch, wie es muss. Allein, wo die Hürde liegen wird, könnte im möglichen Traumfinale von der Löw-Elf abhängen.

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