Offensivspiel bei der EM : Die Reanimation der Nationalelf ist geglückt

Die verbesserte Offensive der deutschen Nationalmannschaft macht Hoffnung für die heiße Turnierphase der EM.

von
Thomas Müller näselt mit Craig Cathcart um den Ball.
Thomas Müller näselt mit Craig Cathcart um den Ball.Foto: AFP

Manches Mal genügt ein Blick in die Gesichter der Verlierer, um das Ausmaß eines Sieges zu begreifen. Die Gesichter der Nordiren sahen irgendwie alle gleich aus. Sie wirkten erschöpft, diese wackeren Kerle, vor allem aber auch froh, dass es jetzt vorbei war. Mit dem knappsten aller Ergebnisse, einem 0:1, waren sie am Abend in Paris dem Weltmeister unterlegen gewesen. Hingebungsvoll in ihren Mitteln hatten sie sich gewehrt gegen Schlimmeres, aber sie wussten eben auch, dass es vor allem die Deutschen selbst waren, die ein 7:0 oder 8:0 verhinderten.

Während die Nordiren sich so für das Achtelfinale qualifiziert hatten und den Reportern im Untergeschoss des Pariser Prinzenparks ihren heldenhaften Kampf schilderten, fasste Thomas Müller das Spiel in einem Wort zusammen – „belebend“.

Thomas Müller war an diesem Abend vielleicht der beste deutsche Spieler gewesen, musste dann aber doch unbelohnt in die Umkleide zurück. Drei erstklassige Torchancen boten sich ihm; je einmal scheiterte er am prächtigen Torhüter sowie am Gestänge des nordirischen Tores aus Latte und Pfosten. Am Ende blieb dem 26-jährigen Torjäger immerhin eine Art Beifang als Trost, nämlich den einzigen Treffer des Abends durch Mario Gomez vorbereitet zu haben.

Das Nationalteam agierte mit mehr Wucht

„Wenn ich eine Torchance habe, versuche ich immer, das Ding mit aller Gewalt über die Linie zu drücken, heute hat das irgendwie nicht geklappt“, sagte Müller. Zumindest aber, und darin liegt vielleicht der eigentliche Wert dieses Spiels, das seiner Mannschaft den Einzug ins Achtelfinale als Gruppenerster verschaffte: Die Deutschen können sich wieder viele und schöne Torchancen erspielen.

Video
Das Fan-Herz lacht wieder: Deutschland im Achtelfinale
Das Fan-Herz lacht wieder: Deutschland im Achtelfinale

Es hatten sich bereits erste Zweifel breit gemacht in der Heimat und selbst die Mitte der deutschen Gesellschaft in Aufruhr versetzt. Thomas Müller, der Tore erfinden kann, hatte in den ersten beiden Spielen gegen die Ukraine und Polen nicht einen einzigen Schuss aufs Tor hinbekommen. „Sorgen hätte ich mir nur gemacht, wenn er wieder keine Torchance gehabt hätte, aber so ist es ja ein gutes Zeichen“, sagte Joachim Löw und schob ein lockeres „Ich denke, beim nächsten Mal klappt’s“ hinterher.

Natürlich können die Nordiren nicht der Maßstab sein für eine Mannschaft, die den Titel am 10. Juli gewinnen möchte. Aber dieses Spiel hat bei einer Torschussstatistik von 28:2 eben zweierlei gezeigt: Das Team von Löw ist in der Lage, identifizierte Mängel wie ein maues Offensivspiel zu beheben – und bei dieser Gelegenheit hat die Mannschaft auch ihr Herz wiedergefunden.

Müller erinnert an die EM 2012

„Das einzige, was wir uns vorwerfen lassen müssen, ist, dass wir nur 1:0 gewonnen haben“, sagte Sami Khedira. Neben Müller ließen eben auch der wiedererstarkte Mesut Özil, Mario Götze und auch Gomez in einer Mischung aus Unsicherheit und Unentschlossenheit sowie einer Prise Pech zum Teil beste Gelegenheiten aus. Aber man wisse wieder, worauf es ankomme, wie es Khedira ausdrückte. Dieses Turnier werde gewinnen, wer das beste Gesamtpaket zu bieten habe. Deutschland blieb in der Vorrunde ohne Gegentor, die Offensive ist wiederbelebt und das Team hat wieder Witterung aufgenommen.

„Die Grundlagen für den Erfolg sind wieder da“, sagte Müller. Dass die Mannschaft in Sachen offensiver Effizienz zuzulegen hat, ist erkannt. Zum jetzigen Zeitpunkt muss das gar kein schlechtes Zeichen sein. „So bleibt man wach und glaubt nicht, den Fußball erfunden zu haben“, sagte Müller. Genau das kann der Mannschaft nach der mühseligen Vorrunde auch nicht unterstellt werden.

Die Spieler sehen noch mehr Steigerungspotenzial

Vor dem Übergang in die K. o.-Phase des Turniers erinnerte Müller noch einmal an das EM-Turnier vor vier Jahren, als die breite Öffentlichkeit das Team nach einem 4:2 im Viertelfinale gegen Griechenland „schon fast auf dem Olymp“ wähnte. Der Absturz folgte im Halbfinale gegen Italien. Auch deshalb sei es wichtig, die Spannung beizubehalten und sich den Blick auf das eigentliche Ziel nicht verstellen zu lasen.

Wichtig ist, dass der Weg stimmt. Mit der Hereinnahme von Mario Gomez und Joshua Kimmich in die Startelf hat Löw zudem zwei wesentliche personelle Veränderungen vorgenommen, die der Mannschaft mehr Wucht und Drive verliehen und sie weiter durchs Turnier tragen. Ein solches müsse immer auch ein „Steigerungspotenzial“ bieten, wie es Khedira sagte. „Das Achtelfinale soll definitiv noch nicht das Ende sein.“

Und so wurde Thomas Müller noch einmal kurz grundsätzlich. „Die Grundzutaten für den Erfolg sind da“, sagte der Münchner und lächelte diebisch. „Wir arbeiten auf dem Platz alle zusammen.“ Man sei eben kein Team, das nur von einem Spieler lebt, in dem der eine brillante Momente versprüht und vier Gegenspieler schwindelig spielt. „Deswegen werden wir auch ‚Die Mannschaft‘ genannt und auf der ganzen Welt dafür beneidet.“

Folgen Sie der Tagesspiegel-Sportredaktion auf Twitter:

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar