"Ofsayt" - Die Fußballkolumne aus der Türkei : Die Schwalbe bereut den Tiefflug

Im Istanbuler Derby gegen Galatasaray sorgt Fenerbahces Spieler Gökhan Gönül für Ärger bei den eigenen Fans und seinem Trainer - wegen einer theatralischen Schwalbe. Bemerkenswert ist seine Reaktion nach dem Abpfiff.

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Reumütig: Fenerbahces Abwehrspieler Gökhan Gönül.
Reumütig: Fenerbahces Abwehrspieler Gökhan Gönül.Foto: Imago

Das Istanbuler Derby Fenerbahce gegen Galatasaray gehört zu den Höhepunkten der türkischen Fußballsaison, und auch die neueste Auflage am vergangenen Wochenende war ein wieder Straßenfeger. Das Spiel fiel auf den 75. Todestag von Staatsgründer Atatürk, der selbst Fenerbahce-Fan war und möglicherweise aus dem Jenseits heraus eine schützende Hand über seinen Lieblingsverein hielt: Fenerbahce gewann 2:0 und hat damit seit 14 Jahren kein Heimspiel gegen den Lokalrivalen und amtierenden Meister mehr verloren. Tabellenführer Fenerbahce liegt jetzt neun Punkte vor dem Sechstplatzierten Galatasaray, was Trainer Ersun Yanal schon vor der Winterpause vom Titel träumen lässt.

 In der emotional aufgeladenen Situation eines Istanbuler Derbys spielen die Nerven der Akteure eine große Rolle. Auch die Schiedsrichter stehen unter einem hohen Druck. Vielleicht veranlasste das den 28-jährigen Nationalspieler und Fenerbahce-Außenverteidiger Gökhan Gönül gleich in der vierten Minute der Begegnung zu einer sehenswerten Aktion.

 Gönül setzte einem langen Pass in den gegnerischen Strafraum nach und erkannte offenbar, dass er den Ball nicht mehr erreichen würde. Völlig unbedrängt von seinem Gegenspieler sank Gönül mit theatralischer Geste zu Boden und sprang anschließend sofort wieder auf, um sich bei Schiedsrichter Bülent Yildirim über den ausgebliebenen Elfmeter-Pfiff zu beschweren. Die Fenerbahce-Fans stimmten ein wütendes Pfeifkonzert an, Trainer Yanal schimpfte an der Außenlinie, doch Yildirim ließ sich nicht beirren. Gönül kann von Glück reden, dass er nicht Gelb sah.

 Wirklich außergewöhnlich wurde die Episode aber erst nach Spielende. „Ich schäme mich“, sagte Gönül. „Es war auf keinen Fall ein Elfmeter.“ Dass ein Profi den sterbenden Schwan gibt, um einen Strafstoß herauszuholen, ist nicht überraschend. Dass er es hinterher zugibt und Reue zeigt, ist es schon.

 Zwar habe er im entscheidenden Moment eine Attacke des hinter ihm laufenden Galatasaray-Verteidigers Dany Nounkeu gespürt, sagte Gönül. Aber warum er so etwas gespürt habe, wisse er auch nicht so genau – Nounkeu war gute zwei Meter von Gönül entfernt, als dieser zu Boden ging. Die Fernsehbilder hatten Gönüls Schwalben-Flug entlarvt: „Es sah so aus, als hätte ich mich fallen gelassen. Da müssen wir überhaupt nicht drüber reden“, sagte er. „Dafür schäme ich mich. Es wird nicht wieder vorkommen.“

 Ob Gönül sein Versprechen halten wird, bleibt abzuwarten. Bei der Konkurrenz kennt man sich mit dem Schwalbenflug jedenfalls auch ganz gut aus. Im Frühjahr sorgte Galatasaray-Star Didier Drogba für Schlagzeilen, als er in einem Liga-Spiel im gegnerischen Strafraum nach einem harmlosen Kontakt mit dem Gegenspieler in den Tiefflug ging und prompt einen Elfmeter zugesprochen bekam. Immerhin demonstrierte der Ivorer anschließend, dass sich die Trickserei nicht immer lohnt: Beim Strafstoß jagte Drogba den Ball in den Himmel.

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