"Ofsayt" - Die Fußballkolumne aus der Türkei : Schicksalsspiel zum Opferfest

Die Türkei zittert um die WM-Teilnahme. Die Play-offs sind noch drin, aber dazu muss heute ein Sieg gegen die Niederlande her. Fans und Spieler glauben an das Wunder, Trainer Terim ist pessimistisch.

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Nationaltrainer Fatih Terim.
Nationaltrainer Fatih Terim.Foto: dpa

Man kann viel kritisieren am türkischen Fußball – aber dass er langweilig ist, kann man nicht behaupten. Während Länder wie Deutschland oder Italien ihre Teilnahme an der WM 2014 schon vorzeitig geklärt haben, müssen die Türken bis zum letzten Moment zittern. Alles hängt vom heutigen Heimspiel gegen die Niederlande ab, die ihr Ticket für Brasilien bereits in der Tasche haben. Nur wenn die Türken gewinnen und die in der Tabelle der Gruppe D punktgleichen Rumänen gegen Estland weniger erfolgreich sind, kommt die Türkei in die Play-offs. Entsprechend groß ist die Spannung: In türkischen Medien ist vom „Schicksalsspiel“ die Rede. Zum islamischen Opferfest diese Woche hoffe das Land auf einen „doppelten Feiertag“ mit einem Sieg über die Niederlande.

Dass alles am seidenen Faden hängt, daran ist die türkische Mannschaft selber schuld. In der ersten Phase der Qualifikation leistete sich die Elf einen Ausrutscher nach dem anderen. Alles schien schon verloren, als der Verband nach dem Sommer die Notbremse zog, Nationaltrainer Abdullah Avci in die Wüste schickte und Altmeister Fatih Terim von Galatasaray Istanbul als Retter in der Not verpflichtete. Terim, der bei Galatasaray mittlerweile durch Roberto Mancini ersetzt wurde, stärkte die Abwehrreihen und die Moral seiner Truppe und machte die schon abgeschriebene WM-Teilnahme wieder zu einer realen Chance.

Vor dem Spiel gegen die Niederlande schlugen sich Terim und seine Helfer die Nächte um die Ohren, um alle verfügbaren Spiele des Gegners studieren zu können. Terim habe einen „Siegesplan“, sind sich die Zeitungen sicher. Das Stadion Sükrü Saracoglu im asiatischen Teil von Istanbul ist ausverkauft. „Im Herzen haben wir unsere Tickets schon“, sagte Terim vor dem Spiel.

Aber noch nicht in der Realität. Terim betonte seinen Respekt vor der niederländischen Weltklassemannschaft, die während der Qualifikation noch kein Spiel verloren hat. Die bisher gezeigte Leistung seiner eigenen Elf werde gegen die Niederländer nicht ausreichen. Eine deutliche Steigerung sei Pflicht. „Alle taktische Varianten“ würden zum Einsatz kommen.

Doch es ist unklar, ob Terims Spieler sich die Botschaften des Chefs zu Herzen nehmen. Torjäger Burak Yilmaz erklärte die vom Trainer angemahnten taktischen Vorgaben für unwichtig. Nicht die Spielanlage sei gegen die Niederlande von Bedeutung, sondern nur die Emotionen, sagte Yilmaz.

Das Problem ist nur, dass sich die Türken in der Vergangenheit mit ihren Emotionen schon häufiger selbst geschadet haben – bei der gescheiterten Qualifikation für die EM 2012 zum Beispiel kritisierte der damalige Nationaltrainer Guus Hiddink, dass die türkischen Spieler in kritischen Situationen regelmäßig alle taktischen Vorgaben über Bord geworfen hätten. Gegen abgeklärte Teams wie die Niederlande ist das Gift.

Terim selbst rechnet jedenfalls damit, dass das Wunder gegen die Niederlande ausbleibt. Sollten die WM-Träume platzen, stünden neue Aufgaben an, sagte er: „Dann bereiten wir die Mannschaft auf die nächste Europameisterschaft vor.“

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