Sport : Ohne Basis

Herthas Trainer ist noch auf der Suche nach seiner Stammelf

Stefan Hermanns

Berlin. Nando Rafael kann mit dem Fußball wunderbare Sachen anstellen: ihn mit dem Schulterblatt auffangen, ihn pausenlos in der Luft halten oder ihn von einer Schulter auf die andere jonglieren. In den Halbzeitpausen kann man das gut beobachten, wenn die Ersatzspieler des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC sich die Zeit vertreiben. Keiner ist in dieser Disziplin kunstfertiger als Rafael, nur helfen solche Fertigkeiten mit richtigen Gegenspielern eher selten. Rafael versucht es trotzdem manchmal. Neulich, im Training, sah er Pal Dardai vor sich. Er lupfte den Ball in die Luft, doch was immer sein Plan weiter vorsah, Dardai vereitelte das Vorhaben mit humorlosem Einschreiten. Rafael wetzte dem verlorenen Ball hinterher und grätschte im Mittelfeld Arne Friedrich um. „Das sind diese Frustdinger!“, rief Trainer Hans Meyer über den Platz. „Im Spiel sind das Gelbe oder Rote Karten.“

Rafael sollte das eigentlich wissen. Durch ein solches Foul hat er sich um seinen Stammplatz bei Hertha gebracht. Im letzten Vorrundenspiel, beim 1. FC Köln, wurde er in der 57. Minute eingewechselt, eine Viertelstunde später grätschte er im Mittelfeld Jörg Heinrich in die Beine und sah die Rote Karte. Zwei Spiele war der Angolaner für dieses Foul gesperrt. Trotzdem hat Meyer ihn in der Winterpause als seinen Stürmer Nummer eins bezeichnet: „Er ist bei mir gesetzt.“

Das war einmal. Nach seiner Sperre stand Rafael nur einmal – bei der Niederlage gegen Frankfurt – in der Anfangself. Dreimal wurde er eingewechselt, von 360 möglichen Spielminuten stand er 131 auf dem Platz. Das liegt nicht nur daran, dass Hertha mit Giuseppe Reina einen Stürmer verpflichtet hat, von dem Meyer zur Winterpause noch nichts wissen konnte. „Die Sperre hat Nando offensichtlich schlecht getan“, sagt Herthas Trainer. „Aus meiner Sicht ist er nicht so gut, wie er es in der Vorbereitung gewesen ist.“

Nando Rafael ist nur ein Beispiel dafür, dass sich nicht alle Vorstellungen Meyers erfüllt haben. Eine Woche vor dem Rückrundenstart erklärte Herthas Trainer öffentlich, dass er nicht mit Fredi Bobic plane. Seitdem hat der Nationalstürmer in allen sechs Spielen von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz gestanden. „Der Fredi macht es besser als in der Vorbereitung“, sagt Meyer. Auch im Fall Andreas Neuendorf hat Herthas Trainer seinen Irrtum inzwischen eingestanden.

Heute, beim HSV, betreut Meyer Herthas Mannschaft zum siebten Mal, eine feste Formation, eine Basis, wie er das nennt, hat er jedoch noch nicht gefunden. Nur zweimal hat Meyer mit derselben Elf begonnen (gegen Stuttgart und Freiburg), insgesamt hat er in sechs Spielen fünf verschiedene Mannschaften aufs Feld geschickt. „Es gibt unglaublich viele Unsicherheiten“, sagt Meyer. „Wir haben noch zu viele Wackler.“ Das führt immer wieder zu überraschenden Personalentscheidungen. Plötzlich spielt Alexander Madlung von Beginn an. Der 20 Jahre alte Sofian Chahed stand dreimal hintereinander in der Anfangself – und gehörte zuletzt nicht mal mehr zum Kader. So geht es heute auch Alexander Ludwig, der vor einer Woche gegen Bochum überraschend Linksaußen gespielt hat.

Meyer macht das nicht, weil er ein Freund der Rotation ist, sondern weil er die passende Lösung noch nicht gefunden hat. Bei Borussia Mönchengladbach hat er 14 Spiele und fast ein halbes Jahr gebraucht, um seine Idealformation zu entwickeln. Er hat es mit Libero probiert, mit Dreierkette, mit einem oder zwei Stürmern. Nichts passte. Erst im letzten Spiel der Hinrunde stellte er auf ein 4-3-3-System um, sechsmal hintereinander spielte er schließlich mit der identischen Aufstellung. Die taktische Grundordnung hat Meyer sogar bis zum Ende seiner Amtszeit drei Jahre später nicht verändert. Das Problem ist, dass Meyer bei Hertha kein halbes Jahr Zeit hat, um seine Mannschaft zu finden. In einem halben Jahr ist sein Engagement schon wieder beendet. „Dann muss es eben ohne Basis gehen“, sagt er.

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