Sport : Ohne Jesus fahren wir nach Berlin!

Weshalb religiöse Trikotbotschaften von der Fifa verboten werden sollten

Wolfram Eilenberger

Der Teufel wäre los gewesen. Man stelle sich vor, der Iran gewinnt den Confed-Cup 2005, und unmittelbar nach Abpfiff stülpen sich zahlreiche iranische Leistungsträger ein T-Shirt über den Leib, auf dem „Allah ist groß!“ oder auch „Allah, thank you!“ zu lesen ist, worauf sich die Mannschaft im Mittelkreis sammelt, geschlossen niederkniet und gen Mekka betet. Von Beckenbauer bis Schily, von Blatter bis Beckstein wäre sofortige Unterlassung angemahnt worden. Geschmacklos. Unpassend. Gefährlich. Wenn nicht terroristisch. Wo kommen wir denn hin, wenn das Fußballspiel als Ort religiöser Kundgebungen missbraucht wird. Fehlt nur noch, dass sich die Chinesen ihr Trikot mit einem „Die Geschichte ist die Geschichte der Klassenkämpfe“ besticken.

Tatsächlich ist solch ein Skandalszenario letzten Mittwoch in Frankfurt Wirklichkeit geworden. Unbeanstandet, unkommentiert, vor allem aber ohne einen Mucks von Seiten des Fußball-Weltverbandes Fifa. Turniersieger wurde eben Brasilien, nicht der Iran. Weshalb auf den T-Shirts von Kaka, Lucio, Emerson und Co. auch nicht der allmächtige Allah, sondern unser Herr Jesus Christus gepriesen wurde. Ein erheblicher kultureller Unterschied, zugegeben. Aber was für die einen Gläubigen tabu bleibt, sollte anderen nicht wortlos nachgesehen werden. Und wer wollte sie heute scharf ziehen, die Grenzlinie zwischen rein religiöser und auch politischer Botschaft?

Wenn Brasiliens Superstars für mehr als eine halbe Stunde zur besten Sendezeit im Jesus-Hemd den Siegessamba tanzen, handelt es sich dabei um mehr als ein rein privates Bekenntnis. Solch kollektiv geplante T-Shirt-Botschaften sind anders zu bewerten als etwa rituelle Bekreuzigungen vor dem Betreten des Spielfeldes oder das dankende Stoßgebet beim Torjubel. Das mediale Mitteilungsbedürfnis der Brasilianer hatte vielmehr den Charakter einer ebenso gezielten wie aggressiven (weil unübersehbaren) Mission. Bei dem Verhalten von Lucio und Konsorten handelte es sich mit anderen Worten um eine bewusste Instrumentalisierung globaler Aufmerksamkeit. Diese sportferne Zumutung sollte vom Fußballweltverband Fifa in Zukunft auf keinen Fall toleriert werden.

Der sportpolitische Skandal liegt zunächst darin, dass er überhaupt nicht thematisiert wird. Christen sind nicht nur die besseren Fußballer, sondern auch die besseren Gläubigen. Das ist die Message, die von der Frankfurter Siegesfeier in alle Welt strahlte. Ganz offenbar wird auch bei der Fifa mit zweierlei Strafmaß gemessen: eines für die christlichen Zivilisationen, das andere für den Rest. Dabei sind die Verhaltensregeln bei Veranstaltungen grotesk ausdifferenziert. Das Design der Leiblein ist Sittenregeln unterworfen, mit freiem Oberkörper darf aus Gründen der Pietät schon lange nicht mehr gejubelt werden, richtig ernst wird es bei der Sponsorenplatzierung. Bei der Frage zwischen Nike und Adidas hört die Gewissensfreiheit eines deutschen Profis auf, und wehe, wenn sich ein Pepsi-Becher ins WM-Stadion oder gar Fernsehbild verirrt. Nach 30 Sekunden ist der Coca-Cola-Vorstand am Notfallhandy, nach einer Minute Sepp Blatter höchstselbst. Nicht so bei christlichen Glaubensbotschaften wie „Jesus loves you“. Ihnen werden offenbar uneingeschränkt und kostenfrei Werbeminuten eingeräumt.

Es mag verfehlt erscheinen, „Jesus Christus“ zum Werbeprodukt zu erklären, aber sollte es sich hier um Zynismus handeln, so ist es kein journalistischer. Das sagenhafte Anziehungspotenzial authentisch jubelnder Fußballprofis haben auch Kirchen- und Glaubensmanager längst erkannt. Und warum sollten sie zur Verbreitung ihrer frohen Botschaft sündhaft teure Werbeminuten kaufen, wenn eine im Mannschaftshotel geschickt geflüsterte Promotionsanregung den Zweck noch besser erfüllt?

Gelobt sei in diesem Zusammenhang einmal mehr die deutsche Mannschaft. Die einzige Plakatbotschaft, die unsere Jungs nach dem Turnier unbedingt loswerden mussten, lautete demgemäß: „Danke Fans, ihr seid super!“

So und nicht anders soll sich gelebter Fußballglaube darstellen. Und spätestens seit dem Confed-Cup wollen auch wir Fans unser Team wieder unbedingt anbeten. Zumindest bis zum Endspiel im nächsten Jahr. Nach dem Finale gegen Brasilien können wir immer noch Trost bei himmlischen Mächten suchen. Vorzugsweise bei Jesus Christus. Von ihm heißt es ja, chronische Verlierer habe er besonders lieb.

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