Sport : Ohne Sparen kein Platz für die Paulistas

In Brasilien ist seit dem Wechsel von Rubens Barrichello zu Ferrari eine neue Euphorie ausgebrochen

Lokalmatador Rubens Barrichello hat aus den Formel-1-Fans in Sao Paulo ein Volk von Frühaufstehern gemacht. Bereits ab 5 Uhr zog sich am Sonntag die Warteschlange vor dem Autodromo Jose Carlos Pace über rund zehn Kilometer an den Straßen der 18-Millionen-Metropole entlang. Um 7 Uhr wurden die Tore geöffnet. 72 000 Zuschauer bedeuteten Rekordbesuch für Interlagos, wo der Großen Preis von Brasilien seit 1990 stattfindet. Im Vorjahr, als Barrichello noch für Stewart fuhr, kamen nur 58 000 Fans. Seit den Triumphen des legendären Ayrton Senna (1991 und 1993) war der Ansturm auf die Strecke im Südwesten der Stadt nicht mehr so groß.

Ferrari-Pilot Barrichello war schon vor dem Grand Prix, der erst nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe entschieden wurde, der absolute Renner in Brasilien. Der 27-Jährige wurde in Interlagos, ganz in der Nähe der Rennstrecke, geboren. Für die Formel 1-Fans zählt jetzt nur noch "Rubinho". Dennoch lässt sich der Sohn São Paulos nicht verrückt machen. "Ich verspüre eigentlich keinen Druck, obwohl es ein Heimspiel für mich ist", gestand er vor dem Rennen, "da geht es mir wie der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft: Mit den Fans im Rücken spielen die Jungs auch immer besser."

Der zweite Lauf der WM-Saison 2000 war seit Tagen ausverkauft. Gestern herrschte im Schwarzhandel noch Hochkonjunktur. "Normale" Tickets kosteten umgerechnet zwischen 180 und 450 Mark. Dafür müssen die meisten Paulistas, die ihr Idol Barrichello wenigstens ein Mal aus der Nähe sehen wollen, ein ganzes Jahr sparen. Aber wenn ein Brasilianer mitfährt, spielt Geld keine Rolle. Das Wirtschaftsblatt "Gazeta" schätzte den Gesamtumsatz für das Renn- Wochenende auf umgerechnet rund 150 Millionen Mark. Der TV-Riese "Globo", der in Brasilien die Formel-1-Übertragungsrechte hält, erhöhte seine Werbepreise um 25 Prozent. Ziel: 43 Millionen Dollar Einnahme.

Das Motorsport-Milliardenspiel Formel 1 ist aber auch über Brasilien hinaus längst noch nicht ausgereizt, Einsatz und Risiko dürften weiter steigen. "In naher Zukunft werden sich sieben Hersteller engagieren. Das wird der härteste Kampf in der Formel 1 seit den 50er Jahren", erklärte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. "Auch für uns wird das ein harter Fight, der Wettbewerb wird auf jeden Fall zunehmen. Aber für den Sport ist diese Entwicklung gut", bewertete Haug die zunehmende Konkurrenz in der "Königsklasse" des Automobilsports positiv.

Das Engagement der großen internationalen Automobilhersteller als Partner, Geldgeber und Ausrüster der Formel-1-Rennställe hat sich in jüngster Zeit erheblich verstärkt. Toyota sicherte sich die letzten beiden der - maximal möglichen 24 - Startplätze und hinterlegte 48 Millionen Dollar als Nenngeld-Kaution beim Internationalen Automobil-Verband (Fia). Davon verfallen zwölf Millionen, falls die Japaner nicht zur Saison 2001, sondern erst ein Jahr später an den Start gehen. Das Tor zur Formel 1 ist damit versperrt, denn mehr als zwölf Teams dürfen laut Fia-Reglement nicht mitfahren.

Renault kaufte Benetton für 120 Millionen Dollar. Als Motorenlieferant hatten sich die Franzosen 1997 aus der Formel 1 zurückgezogen, versorgten einige Rennställe aber weiterhin mit Kundentriebwerken (Playlife/Supertec). Längst an Bord sind Mercedes, Fiat/Ferrari, Ford/Jaguar, Honda und Peugeot; BMW feierte als Partner von Williams in dieser Saison sein Comeback. "Das Feld rückt immer enger zusammen", sagte Haug, und das Qualifikationstraining am Sonnabend in Interlagos lieferte den überzeugenden Beweis: Winzige 34/100 Sekunden trennten den Fünften (Fisichella) vom 15. (Alesi). Auch im Aufwärmtraining zum Grand Prix ging es äußerst knapp zu. Weltmeister Mika Häkkinen drehte im McLaren-Mercedes in 1:16,343 Minuten die schnellste Runde. Michael Schumacher war im Ferrari auf dem 4,309 km langen Linkskurs allerdings nur 5/1000 Sekunden langsamer.

Auf der Gewinnerseite steht McLaren-Mercedes auf jeden Fall. Die Silberpfeile glänzten in den vergangenen zwei Jahren mit drei Titeln: Zwei Mal triumphierte der Finne Mika Häkkinen in der Fahrer-Weltmeisterschaft; dazu kam 1998 der Konstrukteurspokal. Doch Erfolg hat seinen Preis: Immerhin 102 Millionen Dollar (rund 200 Millionen Mark) ist dem Milliarden-Imperium DaimlerChrysler die Formel 1 laut Wirtschafts-Magazin "EuroBusiness" (April-Ausgabe) im Jahr 2000 wert. Das "direkte Sponsoring" bezifferte das Fachjournal auf 14 Millionen, den Wert der materiellen Unterstützung (Mercedes-Motor) auf 88 Millionen Dollar. Mercedes-Mann Haug ließ durchblicken: "So ganz ist das nicht aus der Luft gegriffen."

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