Sport : Ohne Titel

Vom Glück verlassen, müssen sich die Bayern ungewohnt niedrige Ziele stecken

Daniel Pontzen

München. Abschied bedeutet zumeist tiefe Traurigkeit, doch Ottmar Hitzfeld wirkte gefasst, so, als habe er all das kommen sehen. Er schaute in gewohnter Ernsthaftigkeit, doch dann legte sich ein verständnisvolles Lächeln um seinen Mund, als er einem der treuesten Verbündeten des FC Bayern Lebewohl sagte. Das Glück, das lange Zeit in fester Anstellung bei den Münchnern beschäftigt war, hat sie verlassen, nie wurde das so deutlich wie am späten Samstagnachmittag, als es sich an 700 Kilometer voneinander entfernten Orten beinahe gleichzeitig gegen sie aufrichtete.

Zunächst war im heimischen Olympiastadion ein regelkonformer Treffer Samuel Kuffours aberkannt worden, es wäre das vorentscheidende 3:1 der Bayern über Rostock gewesen. Wenig später, rund 700 Kilometer weiter nördlich, erzielte Matthias Scherz das vermeintliche 3:3 für den 1. FC Köln bei Werder Bremen, doch auch dieses Tor zählte nicht, obwohl es regulär zustande kam. So siegte Bremen, Bayern spielte nur 3:3.

Hitzfeld hatte all diese Szenen kurz nach Spielende noch einmal gesehen, und wahrscheinlich hatte der Mann, der in den letzten Monaten schon aus Selbstschutz zu großem Optimismus gezwungen war, in diesen Momenten den Glauben an die eigenen Chancen im Meisterschaftskampf verloren. Beinahe wäre der Abstand auf fünf Punkte geschmolzen, stattdessen beträgt die Differenz nun neun Punkte, zehn Spiele vor Saisonende. „So passt halt alles zusammen an einem Spieltag: Des einen Freud ist des anderen Leid“, resümierte Hitzfeld und schätzte Bayerns Chancen im Titelkampf als gering ein, „weil Bremen einen Lauf und auch das nötige Glück hat“.

Innerhalb von nur drei Tagen haben die Bayern damit ihre Hoffnungen in den letzten beiden verbleibenden Wettbewerben zu Grabe tragen müssen. Im DFB-Pokal waren die Bayern Anfang Februar in Aachen gescheitert. Dem Ausscheiden aus der Champions League am Mittwoch in Madrid folgte nun die Ernüchterung im Tagesgeschäft Bundesliga – dank dreier „dilettantischer Fehler im Abwehrzentrum“ (Hitzfeld), die Rostock geradezu zu einer Rückkehr in ein scheinbar verlorenes Spiel nötigten. „Dass wir wenigstens Tabellenzweiter werden“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, könne verhindern, am Ende von einer verlorenen Saison zu sprechen. „Wir müssen uns direkt für die Champions League qualifizieren. Das ist eine Voraussetzung, die wir brauchen, das ist eingeplant“, fordert der Vorstandschef der FC Bayern AG. Der schauerliche Gedanke von einem neuerlichen titellosen Jahr nach 2002 reift also allmählich zur trüben Gewissheit, und je mehr Enttäuschungen die verbleibenden Spiele bereithalten, desto mehr Meinungsbeiträge wird es zu der leise geführten Trainerdiskussion geben.

Oliver Kahn bezog schon einmal vorbeugend Stellung für Ottmar Hitzfeld, er tat das in gewohnter Deutlichkeit. „Es gibt auf der ganzen Welt keinen Trainer, der besser ist für den FC Bayern als Ottmar Hitzfeld – bei seiner Erfahrung, seinen Erfolgen, seiner Menschenführung“, pries der Torwart und sieht stattdessen seine Kollegen in der Pflicht: „Wir müssen uns hinterfragen, wir müssen besser spielen, anstatt andauernd nach immer neuen Alibis zu suchen.“

Eine Einzelkritik ersparte der Kapitän seinen Kollegen, selbst den beunruhigend desorientierten Samuel Kuffour, der die ersten beiden Gegentore zu verantworten hatte, bedachte er mit Worten von beinahe väterlicher Fürsorglichkeit: „Der Sammy spielt die ganze Saison schon überragend. Es ist halt so, dass solche Fehler gnadenlos bestraft werden, das ist halt Pech.“ Es scheint, als hätten die Bayern einen neuen Begleiter gefunden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben