Sport : Ohne Wertung

Die unter Dopingverdacht geratenen deutschen Reiter wehren sich

Ingo Wolff

Goldfever weiß sicher nicht, wie das verbotene Mittel in seinen Körper gekommen ist. Ludger Beerbaum schon. Sein Pferd Goldfever hat seit zwei Jahren Probleme an den Beinen. „Ich wusste, dass eine Scheuerstelle in der Fesselbeuge mit Salbe behandelt wurde. Da ich aber auch wusste, dass unser Mannschaftsarzt diese Behandlung zugelassen hat, war ich unbesorgt“, sagte Beerbaum. Nun ist Beerbaum erschüttert. Er kann nicht fassen, dass ausgerechnet er – der erfolgreichste Springreiter der Welt – ins Visier der Dopingfahnder geraten ist.

Sein Pferd wurde bei den Olympischen Spielen in Athen mit der verbotenen Substanz Betamethason erwischt. Noch ist es ein Verdacht, bisher ist nur die A-Probe bekannt. Ob das Pferd gedopt ist oder nicht, wird die B-Probe zeigen. Doch schon jetzt ist klar: Der deutsche Pferdesport steht vor einem großen Problem. Sollte die zweite Probe von Goldfever positiv ausfallen, bekommt die deutsche Equipe die Goldmedaille aberkannt und muss sich mit Bronze begnügen.

Was nach Skandal und Betrug klingt, ist vor allem auch ein Problem der Unsicherheit, die es unter Reitern und Ärzten um die Dopingbestimmungen des Weltverbands FEI gibt. Es legt die Strukturprobleme offen, die schon nach dem Dopingfall Rusty und Ulla Salzgeber diskutiert wurden. Niemand weiß, wie genau ein Pferd vor einem Turnier behandelt werden sollte. Nun trifft es den prominentesten Reiter weltweit: Ludger Beerbaum.

Mannschaftsarzt Björn Nolting soll Bescheid gewusst haben, sagt Beerbaum. Doch der winkt ab: „Das stimmt so nicht. Goldfever hat seit zwei Jahren das Problem. „Das ist mir bekannt“, sagt Nolting. „Dass die Salbe vor dem Wettkampf in Athen angewendet wurde, wusste ich nicht.“ Doch selbst, wenn er es vorher gewusst hätte, wüsste er nicht, wie man hätte reagieren sollen, betont der deutsche Mannschaftstierarzt. „Die Verletzung bei Goldfever ist wie bei einer Neurodermitis beim Menschen“, erklärt Nolting, „normalerweise wirkt die Salbe nur lokal. Doch vielleicht war die Stelle diesmal offen und die Substanz ist ins Blut gelangt.“ Er glaubt eher an zu viel Fürsorge durch die Pflegerin. „Ihr liegt sehr viel an dem Pferd, deshalb war sie bei der Entzündung wohl auch besorgt und hat die Salbe verwendet, ohne uns zu informieren“, sagt Nolting. Beerbaum ist für die professionelle Führung seines Stalles bekannt. Deshalb kommt dieser Fehler für viele überraschend.

Doch vermutlich ist der Fehler gar kein Fehler gewesen, sagt Tiermediziner Jan Merkt. Er gilt im Galoppsport als Spezialist für Dopingfragen. „Der Test ist in Paris gemacht worden. Dieses Labor ist aber für seine besonders genauen Analysemethoden bekannt.“ Dort werden einige Substanzen noch im Nanobereich gefunden, wo andere Labors wahrscheinlich einen negativen Befund ermittelt hätten. Durch die Testerfahrung bei der Tour de France ist das Labor anderen voraus. Doch nicht die Analyse-Genauigkeit ist das Problem, sondern die Bewertung durch den Weltverband. „Wir kennen die Werte einer Probe nicht“, sagt Björn Nolting. Genau diese Werte sind aber notwendig, wenn Behandlungen in Zukunft rechtzeitig abgesetzt werden sollen. Mediziner und Reiter müssen wissen, wann ein Medikament nach einer Behandlung aus dem Körper verschwunden ist. „Diese Werte sind seit Jahren konstant“, sagt Merkt. Jeder Mediziner weiß, wie lange er ein Pferd vorher behandeln darf. Nun scheinen die besseren Analysemethoden diese Zeiten zu verschieben. Damit wäre zu erklären, warum gleich vier Reiter erwischt worden sind.

Denn im Pferdesport – im Reitsport ebenso wie im Galopp – gilt die so genannte Nulllösung. Es gibt keine Dopingliste, jedes Medikament ist in noch so kleiner Menge im Wettkampf verboten. „Es sollen nur gesunde Pferde starten“, sagt Nolting. Im Training ist die Behandlung anders als beim Menschen jedoch erlaubt. Im Pferdesport werde wenig bewusst gedopt, sagt Merkt. „Jeder hat schon Angst bei einer Spritze für eine notwendige Therapie, weil er beim nächsten Turnier oder Rennen erwischt wird.“ Außerdem achten Reiter stark auf ihre Pferde, weil sie über Jahre mit ihnen sportlich verbunden sind. „So ein Pferd wie Goldfever bekommt man nur einmal im Leben“, sagt Nolting. Da gehe niemand eine Risiko ein.

Merkt ist nicht für die Abschaffung der Nulllösung, aber für klare Grenzwerte. Damit die Unsicherheit verschwindet. Auch Nolting will wissen, wie in Zukunft behandelt werden soll. Schrammen können immer vorkommen und müssen auch bei einem Turnier behandelt werden. „Die FEI wird reagieren“, sagt Nolting. „Es war nur notwendig, dass dafür ein prominenter Reiter erwischt wird.“

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