Sport : Ohnmacht der Ungewohntheit

Die Bayern kommen mit ihrer Rolle als Verfolger nicht zurecht – aber das liegt nicht nur an Michael Ballack

Stefan Hermanns

Berlin. Uli Hoeneß ist schon so lange im Bundesligageschäft tätig, dass man geglaubt hat, sein Verhalten inzwischen einigermaßen deuten zu können. Zuletzt ist der Manager des FC Bayern München eher einem antizyklischen Ansatz gefolgt, hat die Mannschaft also gelobt, wenn der Fan Schelte erwartet hatte, und umgekehrt. Dieses Wissen hat am Samstag nach dem 1:1 der Bayern in Berlin nicht wirklich geholfen, um die Situation der Mannschaft zu ergründen. „Ich hab’ genug gesprochen“, sagte Hoeneß, als er zum Bus ging, und sagte fortan gar nichts mehr. Wahrscheinlich ist das ein Zeichen dafür, dass es nicht besonders gut um den FC Bayern steht.

Eigentlich wollte der Zweite der Fußball- Bundesliga beim Vorletzten der Fußball-Bundesliga einen Sieg vorlegen, um den Ersten der Fußball-Bundesliga, den SV Werder Bremen, ein bisschen unter Druck zu setzen. Daraus wurde nichts. „Es fehlt nach wie vor die totale Überzeugung, als Titelanwärter aufzutreten“, sagte Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld nach dem Unentschieden in Berlin. Die Münchner bauen jetzt allenfalls noch ein bisschen auf die Macht der Gewohnheit. „Wenn man beim FC Bayern arbeitet, glaubt man immer an die Chance“, sagte Hoeneß, als er am Tag danach wieder redete. Andererseits sieht Kapitän Oliver Kahn seine Mannschaft gegenüber Bremen im Nachteil, weil sie es „nicht gewohnt ist, immer hinterherzulaufen“. Dabei war den Bayern so etwas früher völlig egal: Standen sie oben, freuten sie sich, dass sie gejagt wurden; waren sie Zweiter, ergötzten sie sich daran, dem Tabellenführer auf den Fersen zu bleiben.

Was die Führung der Bayern wirklich von der Mannschaft hält, ist nur schwer zu erkennen, allenfalls zwischen den Zeilen. Uli Hoeneß sagte am Sonntag: „Speziell im nächsten Jahr werden wir angreifen wie noch nie.“ Als wäre die laufende Saison schon abgeheftet. Aus solchen Sätzen spricht jedenfalls ein gewisses Unbehagen mit dem Zustand der aktuellen Mannschaft, und die Dauerdiskussion um die Rolle Michaels Ballacks hat nur davon abgelenkt, dass die Probleme viel umfassender sind. Der mit dem Abschied von Stefan Effenberg eingeleitete Strukturwandel des Teams 2001 ist noch lange nicht abgeschlossen. Größen von einst, Scholl, Lizarazu, Jeremies und ein bisschen auch Kahn, schleichen ihrem Karriereende entgegen. Deren potenzielle Nachfolger – Sagnol, Hargreaves und vor allem Santa Cruz – stagnieren in ihrer Entwicklung. Die Kritik jedoch hat sich derart auf Michael Ballack fokussiert, dass der sonst so genügsame Nationalspieler klagte, die Diskussion sei „teilweise unter der Gürtellinie“ gewesen, beleidigend und demütigend.

Große Spieler, so sagt man, machen aus einer guten Mannschaft eine sehr gute. Dass dies bei Bayern nicht funktioniert, liegt an Ballack und der Mannschaft. Hinzu kommt der weithin und weiterhin verbreitete Irrtum, dass Ballack eine Nummer 10 alter Prägung ist, ein Wiedergänger der Netzers und Overaths. Ballack ist nicht der Mann für die große Geste, aber er kann in seinen besten Momenten mit kleinen Aktionen Großes bewirken – so wie gegen Hertha, als er in der 38. Minute mit einem feinen Pass auf Zé Roberto Herthas komplette Abwehr untüchtig machte, Roy Makaay am Ende jedoch knapp sein zweites Tor und das 2:0 verfehlte. Drei Minuten später fiel das 1:1.

Fortan machte sich immer stärker bemerkbar, dass Pal Dardai im Mittelfeld als Manndecker gegen Ballack spielte. Ballack flüchtete in die eigene Hälfte, um der Belagerung zu entgehen und damit weiter anspielbar zu sein. Es war der Versuch, ein Wechselspiel im Mittelfeld zu inszenieren. Allerdings bedarf es dazu auch eines Mitspielers, der mit ihm wechselspielt. „Wenn Bayern nicht auf dem ersten Platz steht, sucht man nach Ursachen“, sagte Ballack. „Dann wird man erfinderisch.“ Mit solchen Reflexen aber wird sich der Nationalspieler in München abfinden müssen. Manager Hoeneß sagte: „Es ist ein Unterschied, ob ich als Michael Ballack bei den Bayern spiele oder bei Bayer Leverkusen.“ Nur im Ergebnis könnte es in dieser Saison aufs Gleiche hinauslaufen. Mit Leverkusen ist Ballack auch immer Zweiter geworden.

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