Sport : Oliver Kahn – diesmal fast entspannt

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Von Helmut Schümann

Seoul. Keeper Kahn wird er hier genannt, was sich im koreanischen Sprachduktus in etwa wie Kipakan anhört, und wenn sie ihn beschreiben, dann stellen sie sich mit leicht gebeugten Knien hin, heben die Hände wie der Bär die Tatzen und wackeln leicht von einer Seite zur anderen. Keine Frage, der Mann genießt Respekt, von dem inzwischen auch sein Vater profitiert. Der war nämlich auch im Stadion von Seoul, und der schreitet auch schon respektheischend am Rasenrand einher. Man kann ja auch stolz sein, wenn man der Vater von Kipakan ist. Schließlich ist es Kipakan, der Fifa-Präsident Blatter die Mannschaft vorstellen darf, Kipakan ist nämlich auch Kapitän der deutschen Mannschaft - und diese Repräsentationspflicht vor dem Spiel, der kommt er kaugummikauend und, wenn man seinem Gesichtsausdruck glauben darf, unwillig nach. Wer mag schon reden, wenn er sich konzentrieren will. Aber die Übung hatte er im Grunde schon hinter sich, eine Stunde vor Anpfiff war er mit Torwarttrainer Sepp Maier ins rot besetzte und höllisch laute Stadion eingelaufen. Lange vor den Kollegen, als wolle er schon ein wenig Stimmung tanken. Kipakan gegen den Rest der Welt – das ist seine Welt.

Oliver Kahn hat noch ein paar andere Bein: Garant für alles, was die deutsche Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft erreicht hat. Weltstar – der einzige, den die Deutschen diesmal dabei, den sie überhaupt haben. Kranker – weil er vor Ehrgeiz manchmal fast vergehen mag. Panzer – das ist auch eine koreanische Prägung und kommt gleich nach Kipakan und meint eigentlich alles, was Deutsch ist und mit Fußball zu tun hat. Woher sie dieses hässliche Wort haben? Wahrscheinlich haben es sie die englischsprachigen Journalisten der englischsprachigen Blätter gelehrt.

Dass es falsch, so falsch ist, müssten die Zuschauer im Stadion eigentlich in der siebten Minute gesehen haben. Danach hätte man nämlich die Frage stellen können, ob Panzer Reflexe haben. Haben sie natürlich nicht. Oliver Kahn aber hat sie, und zwar welche, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Du Ri Cha, Sohn des koreanischen Fußballhelden der siebziger und achtziger Jahre, Bum Kun Cha, hatte von der Strafraumlinie aus abgezogen, scharf und platziert, halbhoch in Richtung des von Kahn aus gesehenen, rechten Pfostens. Man muss den Schuss nicht halten, auch nicht als Nationaltorhüter irgendeines Landes. Kahn reagierte mit dem ganzen Körper, schneller als manche Zuschauer mit den Augen reagierten und deswegen schon zum Jubel angesetzt hatten.

Man hat bei dieser Weltmeisterschaft oft gesagt, dass Kahn meist allein spiele gegen die anderen. Kahn hat das einmal ähnlich gesagt, als er abwiegelte nach dem Spiel gegen die USA: „Na ja, ich hatte auch ein paar Helfer." Helfer, nicht Mitspieler. Gestern in Seoul hatte er Mitspieler. Nur selten musste Kahn eingreifen, bei Aktionen, die seiner Heldendarstellung nicht bedurften. Gegen Ende, es war nach der Führung, fand Oliver Kahn sogar Muße, bei einem Eckstoß seiner Mitspieler, neben dem Tor zu stehen, einen Schluck zu trinken und sich aufzurichten aus der vorgebeugten Haltung. Fast sah es nach Entspannung aus.

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